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Allein unter Männern – ein Interview mit Bauhofleiterin Silke Wohlfarth

Von: Jessica Gsell

Seit vier Jahren leitet die 47-Jährige den Bau- und Betriebshof Fellbach. Ob es Vor- oder Nachteile hat, in einer solchen „Männerwirtschaft“ tätig zu sein, verrät sie im Interview

An was denken Sie, wenn Sie das Wort Bauhof hören? Schwere Maschinen? Große Brummis? Männer bei schweißtreibender Arbeit? An das weibliche Geschlecht wohl eher nicht. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren in dieser Richtung einiges getan. Immer öfter findet sich heute auch Frauen unter den Bauhof-Mitarbeitern. Und das sogar in führenden Positionen. Eine von ihnen ist Silke Wohlfarth. Seit vier Jahren leitet sie den Bau- und Betriebshof Fellbach in Baden-Württemberg. Bauhof-online.de hat mit der 47-Jährigen über Einfühlungsvermögen und Multitasking, das Arbeiten unter Männern sowie die möglichen Vorteile einer Frau in dieser Branche gesprochen.

Frau Wohlfarth, wieso haben Sie sich gerade für einen Posten als Bauhofleiterin entschieden?

Ich wurde gefragt, ob ich mir die Übernahme dieser Position vorstellen kann. Nach einer kurzen Bedenkzeit habe ich das Angebot gerne angenommen und es bis heute, vier Jahre später, auch nicht bereut. Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus.

Was genau ist es, dass Sie so an Ihrem Beruf reizt?

Ich bin Diplom-Verwaltungswirtin und habe keine technische Berufsausbildung. Vorher war ich im Bereich Wohnungsverwaltung, Obdachlosenunterbringung und Friedhofsverwaltung tätig. An meiner jetzigen Stelle reizt mich die Abwechslung, die technischen Fragestellungen und vor allem die gestalterischen Möglichkeiten. Das Thema Arbeitsschutz gehört ebenso zu meinen Aufgaben – eine sehr fordernde, aber auch reizvolle Aufgabe.

Uns Frauen werden oft Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen oder auch Multitasking nachgesagt. Helfen solche Fähigkeiten bei der Bewältigung Ihrer Aufgaben als Bauhofleiterin?

Also die Fähigkeit zum Multitasking ist sicherlich von sehr großem Vorteil und fällt mir auch sehr leicht. Bei der Anzahl von verschiedenen Aufgaben und den über 50 Mitarbeitern ist das auch einfach notwendig. Nun zum Einfühlungsvermögen: Was mir auf dem Bauhof sehr entgegenkommt ist die direkte Art zu kommunizieren – hier wird nicht lange um den heißen Brei geredet. 

Mann oder Frau – macht es Ihrer Meinung nach einen Unterschied, welches Geschlecht die Leitung innehat?

Nein, ich würde es nicht am Geschlecht festmachen, sondern an den individuellen Interessen. Als Bauhofleiterin muss man gerne mit Menschen arbeiten, Verantwortung übernehmen und auch das eine oder andere einstecken können. Auch werden immer wieder schnelle Reaktionen und Entscheidungen gefordert.

Wie war das erste Zusammentreffen mit den männlichen Kollegen? Mussten Sie sich deren Respekt erst erarbeiten?

Das ist ein Punkt der mich selbst sehr überrascht hat: die große Akzeptanz der Kollegen von Anfang an. Vielleicht lag es auch daran, dass viele der Mitarbeiter mich noch aus der Wohnungsverwaltungszeit kannten, denn ich war auch für die städtischen Dienstwohnungen zuständig und für den einen oder anderen Bauhofauftrag. Außerdem habe ich sie an meinem ersten Arbeitstag mit selbergebackenem Kuchen bestochen.

Sind Sie, neben der Koordination der anfallenden Arbeiten, auch vor Ort im Einsatz und packen mit an?

Bei über 50 Mitarbeitern und vier Abteilungsleitern arbeite ich draußen an der Basis nicht mit. Eine Ausnahme ist allerdings unsere jährliche Großveranstaltung, der Fellbacher Herbst. Da entwickle ich gemeinsam mit dem Leiter der Schreinerei/Gärtnerei das Konzept und arbeite an der Gestaltung der Dekoration mit. Außerdem bin ich Teil des Winterdienstteams: Ich bin gemeinsam mit drei Kollegen für den Erkennungsdienst zuständig.

Welche Aufgaben machen Ihnen am meisten Spaß?

Etwas ganz Besondere ist der Winterdienst, obwohl es bei uns kaum schneit. Aber es ist schon eine besondere Aufgabe, morgens um 4 Uhr zu prüfen, ob die Straßen glatt sind und Einsatz gegeben werden muss. Und natürlich ist die Gestaltung der Dekoration des Rathauses zu Ostern, Weihnachten und dem Fellbacher Herbst eine schöne Aufgabe. Gemeinsam mit der einzigen Gärtnerin stehe ich dann in der Gärtnerei und gestalte Adventskränze für die Bürgermeister – mein männlicher Gärtnermeister ist da auch sehr froh, dass ich mich dem Thema angenommen habe.

Schwere Maschinen, riesige Brummis – der Bauhof ist schon eher ein großer „Männerspielplatz“. Mischen Sie dort auch mit und gibt es unter den Maschinen einen persönlichen Favoriten?

Nachdem ich keinen LKW-Führerschein habe und auch keine Führerscheine für den Radlader, den Gabelstapler und die Hubarbeitsbühne, darf ich die „Männer-Spielzeuge“ nicht selbst fahren. Aber ich habe ja noch ein paar Jahre vor mir, mal sehen was die Zukunft bringt. Sonst habe ich keinen Favoriten. Mir sind die Maschinen am liebsten, die voll ausgelastet sind und deren Anschaffung sich betriebswirtschaftlich rechnet. Ich bin strikt dagegen Maschinen und Geräte zu beschaffen, nur, weil man sie schon immer hatte oder mal brauchen kann. Es gibt schließlich auch immer die Möglichkeit zum Ausleihen.

Was würden Sie sagen: Bringt eine Frau einen positiven Einfluss in eine solche „Männerwirtschaft“?

Da ist ganz schwer für mich zu beurteilen. Aber ich glaube, der Umgangston untereinander ist etwas milder geworden.

Fakten zum Bau- und Betriebshof Fellbach

Mitarbeiter: 53

Aufgaben: Straßenreinigung, Straßen- und Feldwegeunterhaltung, Winterdienst, Straßenkontrolle, Unterhaltung Signalanlagen, Unterhaltung Stadttunnel, Verkehrszeichen, Grünflächenpflege, Kontrolle Spielplätze, Schreinerei, Gärtnerei, Kfz-Werkstatt, Schlosserei, Unterhaltung Friedhöfe

Fuhrpark: Der Bau- und Betriebshof ist verantwortlich für über 90 Fahrzeuge und Anhänger: dazu zählen die eigenen Bauhof-Fahrzeuge – darunter Kehrmaschinen, LKW, Schlepper, Transporter, Mäher und PKW –, die der Kollegen vom Rathaus und die der Hausmeister; darin enthalten sind auch acht Elektrofahrzeuge

Verantwortungsbereich: 117,2 Kilometer Straße sowie 103 Spielplätze (inklusive der Anlagen in Kindergärten und Schulen)

Fläche: 27,7 Quadratkilometer (Fellbach hat 44.000 Einwohner und drei Ortsteile)

Interview: Jessica Gsell – Redaktion Bauhof-online.de
Bilder: Bau- und Betriebshof Fellbach

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