Top-News Reportagen Portrait Reportagen

AM Rüsselsheim: Frühjahrsputz auf Deutschlands verkehrsreichsten Straßen

Rund um das Frankfurter Kreuz sind die Männer in Orange derzeit mit Reinigungsarbeiten unter anderem an den Leitpfosten beschäftigt – den Verkehr und die Kollegen ständig im Blick. Denn ein Unfall wie vor knapp zwei Jahren soll sich nie mehr wiederholen

Rund 335.000 Fahrzeuge passieren täglich das Frankfurter Kreuz, an dem sich Europas verkehrsreichste Autobahnen, die A3 und A5, sowie die B43 treffen. Nicht weit davon entfernt befindet sich der größte Flughafen Deutschland: Im vergangenen Jahr wurden dort rund 61 Millionen Passagiere gezählt. Und genau in diesem verkehrslastigen Bereich liegt der tägliche Arbeitsplatz der Autobahnmeisterei Rüsselsheim. Wenn die Männer auf die Straßen am Verkehrsknotenpunkt ausrücken, haben sie ein großes Ziel: Sie wollen bei der Ausführung ihrer Tätigkeiten so wenig wie möglich das Weiterkommen der Auto- und Lastwagenfahrer behindern. Dafür hat sich das Straßen- und Verkehrsmanagement Hessen Mobil ein ausgeklügeltes System einfallen lassen. „Mit Erfolg“, wie Thorsten Stölb, Leiter der Autobahnmeisterei Rüsselsheim, freudig bestätigt. Aber dennoch müssen seine Männer auch weiterhin bei der Arbeit ein Auge auf unachtsame Verkehrsteilnehmer und die eigenen Kollegen haben.

„Wir müssen in den verkehrsarmen Zeiten arbeiten“, erklärt Stölb. Möglich sei das vor allem bei Tätigkeiten, die sich im Voraus gut planen lassen. Um genau sagen zu können, wann unterm Jahr verkehrsarme Zeiten anstehen, sammelt Hessen Mobil bereits seit mehreren Jahren sämtliche Daten rund um den Verkehr, speichert und wertet sie aus. Daraus lässt sich schließlich die Verkehrsbelastung errechnen. Die Männer in Orange können mit diesen Informationen so genau einschätzen, wann eine Baustelle zum Stau führt. „Alle erdenklichen Daten fließen hier mit ein“, berichtet Stölb: von den Ferienzeiten – auch denen der anderen Bundesländer – bis hin zu den großen Messen, die in Frankfurt und Umgebung stattfinden. Da ein großer Teil des Verkehrs auf der A3 aus den Niederlanden, Belgien sowie anderen umliegenden Nachbarländern stammt, werden auch deren Urlaubszeiten miteinberechnet. Das Projekt sei ein voller Erfolg, so der Leiter der Autobahnmeisterei. Anders sieht es allerdings aus, wenn Gefahr im Verzug ist: Dann werden die Arbeiten sofort erledigt – verkehrsarme Zeiten hin oder her. Besteht jedoch die Möglichkeit, versuchen die Mitarbeiter vermehrt in der Nacht und an den Wochenenden tätig zu sein. Handelt es sich dabei um Reparaturarbeiten an den Fahrbahnen, kümmern sich die Männer der Autobahnmeisterei um die kleinen Fälle, wie beispielsweise Verschleißarbeiten nach dem Winter. Fallen größere Projekte in diesem Bereich an, werden sie dagegen an eine externe Firma abgegeben.

Volles Programm: Gehölzpflege, Frühjahrsputz, Grünflächenpflege

Doch selbst wenn die Autobahnmeisterei auch einmal Arbeiten abgibt – beschäftigt sind die insgesamt 42 Mitarbeiter dennoch rund um die Uhr. Ende Februar stand die letzte Gehölzpflege bei den Rüsselsheimern auf dem Programm. „Danach beginnt der Frühjahrsputz“, berichtet Stölb. Das Pendant zum Fensterputzen und Betten frisch beziehen in den heimischen vier Wänden, ist auf der Autobahn das Reinigen der Verkehrszeichen und Leitpfosten. Während für Letztere ein Unimog samt Anbaugerät zum Einsatz kommt, ist das Säubern der Verkehrszeichen noch reine Handarbeit. Auch die Entwässerungseinrichtungen wie Rinnen und Abläufe werden mit Hilfe der Kehrmaschine vom Dreck befreit. Sind diese Arbeiten erledigt, machen sich die Männer als nächstes daran, den Müll einzusammeln. Eine Tätigkeit, die von den AM-Mitarbeitern ebenfalls per Hand ausgeführt wird. Oftmals kommt unter dem geschmolzenen Schnee so einiges an Dreck zum Vorschein. Auch wenn die Winter in der hessischen Region nicht immer sehr schneereich sind. „Winter heißt bei uns eher Streuen, wegen der Glätte“, erzählt der 39-Jährige. Ab Mai beginnt bei der Autobahnmeisterei Rüsselsheim dann die Grünflächenpflege.

Bei all den genannten Arbeiten wird der Bereich auf der Autobahn mit mindestens einem LKW abgesichert. „Das Gefahrenpotential ist hier immer hoch“, weiß Stölb. Damit es zu keinem Unfall kommt, stünden sowohl die Männer der Autobahnmeisterei, als auch die anderen Verkehrsteilnehmer in der Verantwortung: So müssten die Autofahrer frühzeitig mit einem Absicherungs-LKW auf die Behinderung hingewiesen werden. Die Verkehrsteilnehmer hingegen hätten die Pflicht, achtsam zu fahren. Auch die Männer selbst sollen bei ihren Arbeiten immer deutlich zu sehen sein. „Eine Absicherung nur mit Warnweste ist uns zu wenig“, sagt der Rüsselsheimer Leiter. Aus diesem Grund sind die Männer komplett in Orange gekleidet, von der Hose bis zum Oberteil. „Es hört sich vielleicht dumm an“, sagt der 39-Jährige, „aber die Männer sollen immer ein Auge auf den Verkehr haben und auch das Gehör nach ihm ausrichten.“ Um immer wieder an die Gefahren ihres Berufes erinnert zu werden, finden zweimal im Jahr Sicherheitsunterweisungen statt: einmal vor Beginn des Winterdienstes und ein weiteres Mal im Frühjahr.

Tödlicher Unfall liegt knapp zwei Jahre zurück

Und dennoch: „Zu kleineren Arbeitsunfällen und brenzligen Situationen kommt es immer wieder mal“, weiß Stölb. Der bislang Tragischste passierte vor knapp zwei Jahren. Beim Bergen und Saubermachen der Fahrbahn nach einem Unfall auf der A3, übersieht ein Mitarbeiter der Autobahnmeisterei beim Rückwärtsfahren mit dem LKW einen seiner Kollegen und überrollt ihn. Einen weiteren tödlichen Unfall haben die Rüsselsheimer seither glücklicherweise nicht zu beklagen. Kommt es allerdings zu einem der brenzligen Situationen, ist nicht selten die Unaufmerksamkeit der Autofahrer der Grund dafür – oder auch eine rücksichtlose Fahrweise. Für letzteres Verhalten haben die Rüsselsheimer kein Verständnis, besonders dann nicht, wenn die vorgegebenen Geschwindigkeitsbeschränkungen einfach ignoriert werden. Was Stölb hier oftmals fehlt, ist die gegenseitige Akzeptanz. „Ich würde mir wünschen, dass die Verkehrsteilnehmer nicht nur auf die Arbeitsstelle Rücksicht nehmen, sondern dabei auch an uns denken“, sagt der 39-Jährige. Dasselbe gelte auch bei Unfällen. „Es wäre schön, wenn die Rettungsgasse auch für die Fahrer in Orange frei bleibt“, sagt Stölb. Viel zu oft würde die Rettungsgasse allerdings nach der Durchfahrt der Blaulicht-Fraktion schon wieder von den Verkehrsteilnehmern dichtgemacht. „Gelblicht wird nicht so akzeptiert wie Blaulicht“, zeigt sich der AM-Leiter frustriert. Dabei würden die Verkehrsteilnehmer durch dieses Verhalten ihre Wartezeit im Stau nur noch erhöhen: Denn eine Verkehrsfreigabe sei erst dann möglich, wenn die Fahrbahn in einem verkehrssichern Zustand ist– und das passiere erst dann, wenn die Männer der Autobahnmeisterei an der Unfallstelle eingetroffen sind und diese mit abgesichert haben.

Sehr zufrieden ist Stölb dagegen mit der technischen Ausstattung seiner Autobahnmeisterei. „Wir haben einen guten technischen Standard“, berichtet er. Natürlich gebe es immer wieder interessante Entwicklungen auf dem Markt, die man hier in Rüsselsheim auch mitverfolge. Doch in erster Linie gehe es in einer Autobahnmeisterei darum, dass wirtschaftlich und kostendeckend gearbeitet werde. Die Nutzungszeit der Geräte und Maschinen sei hierbei das Allerwichtigste. „Wenn wir ein Gerät nur für eine kurze Zeit brauchen, dann leihen wir es entweder aus oder beauftragen eine Firma, die dieses Gerät besitzt, mit der Arbeit“, erklärt der 39-Jährige. So haben sich seine Männer in diesem Winter beispielsweise einen Fällkran sowie einen Großhäcksler ausgeliehen. „Das sind alles Dinge, die wir uns nie selbst anschaffen würden, da wir sie nicht oft genug brauchen würden“, berichtet Stölb. Eine viel „interessantere Sache“ hingegen sei der mögliche Erwerb eines kleineren Holzhäckslers mit Raupenfahrwerk fürs Gelände. „Wir arbeiten bei solchen Anschaffungen oft auch meistereiübergreifend“, fügt Stölb hinzu. Für den kleinen Holzhäcksler sei das ebenfalls eine Überlegung. Dasselbe gelte auch für den Erwerb eines ferngesteuerten Mähers, der die Arbeiten an der Autobahn um einiges erleichtern und vor allem sicherer machen würde. Entweder wird das Gerät dann von einer Meisterei gekauft und an die anderen verliehen. Es gibt aber auch die Variante, dass sich zwei bis drei Meistereien die Anschaffungskosten teilen und danach für alle ein Nutzungsplan erstellt wird – so wird das bei den Rüsselsheimern bereits mit einem Unimog gemacht, der für das Mähen des Mittelstreifens eingesetzt wird.  

Fakten zur Autobahnmeisterei Rüsselsheim

Leitung:Thorsten Stölb

Mitarbeiter: 42 Mitarbeiter; davon 35 im Außendienst, 4 (inklusive Leiter) im Innendienst, 1 Winterdienstkraft, 2 Auszubildende

Aufgaben: Unterhalt und Betrieb der Straßen; dazu zählen Winterdienst, Grün- und Gehölzpflege, Reinigung der Fahrbahnen, Leitpfosten und Verkehrszeichen, Reinigung der Entwässerungseinrichtungen wie Rinnen und Abläufe, Unfalldienst (Absicherung und anschließendes Aufräumen), Instandsetzungsarbeiten, Streckenkontrolle (inklusive Parkplätze und Rastanlagen)

Fuhrpark: 9 LKW, davon 4 Drei-Achser (alle mit Seitenpflug) sowie 5 Zwei-Achser; 2 Geräteträger (Unimogs); 11 Mannschaftswagen mit jeweils einem Sicherheitsanhänger; mehr als 60 verschiedene Anbaugeräte.

Verantwortungsbereich: Rund 280 Kilometer Autobahnen und autobahnähnliche Bundesstraßen im westlichen Rhein-Main-Gebiet; dazu zählen Teile der A3, A67, A60, A671 sowie der B43 (Bereich Flughafen Frankfurt); des Weiteren kümmert sich die Autobahnmeisterei um die Anschlussstellen, 180 Bauwerke (Brücken, Lärmschutzwände, Stützwände, Verkehrszeichenbrücken) sowie ca. 1 Mio. Quadratmeter Mähfläche.

Organisation:Die Autobahn- und Straßenmeistereien in Hessen sind insgesamt sechs Dezernaten untergeordnet. Die Autobahnmeisterei Rüsselsheim gehört dem Dezernat Rhein-Main (BE 14) an.

Text: Jessica Gsell – Redaktion Bauhof-online.de
Bilder: Hessen Mobil

Nach oben
facebook youtube twitter Instagram rss