Reportagen, Reportagen, Winterdienst, Top-News

05. Februar 2019

Lawinenabgang in Balderschwang: Mensch und Maschine trotzen den Naturgewalten

Lawinenabgang in Balderschwang: Mensch und Maschine trotzen den Naturgewalten

Seit Anfang des Jahres schneit es unaufhörlich im Allgäu. Die Straßenmeisterei Sonthofen ist nonstop im Einsatz. Als eine Lawine abgeht, müssen die Gäste eines Hotels evakuiert werden. Doch so gut wie alle Straßen sind dicht. Schwere Geschütze werden aufgefahren.

Es ist der 14. Januar, Montag um 5 Uhr in der Früh, an dem ein lautes Scheppern die Gäste des Hotels Hubertus in Balderschwang aus dem Schlaf reißt. Eine Lawine ist mit voller Wucht in die Rückseite des Hotels im Allgäuer Skiort gekracht. Verletzt wird zum Glück niemand. Doch die Hotelgäste müssen umgehend evakuiert werden. Kein leichtes Unterfangen, angesichts der Wetterlage der vergangenen Wochen. Andauernde Schneefälle – mitunter ein ganzer Meter innerhalb weniger Stunde – haben schon Tage zuvor zu Straßensperrungen geführt. Hubschrauber können den Ort nicht anfliegen, es gibt nur eine passierbare Straße. Die ganze Zeit an vorderster Front mit dabei sind auch die beiden Leiter der Straßenmeisterei Sonthofen, Markus Eder (48) und Leonhard Koch (54).

Gut eine Woche später bin ich mit den beiden auf dem Areal der Straßenmeisterei in Sonthofen verabredet. Es ist ein sonniger Tag, die herrliche Alpenkulisse umgibt das Gelände, auf dem wie immer ein reges Treiben herrscht. Dass es hier aber vor gerade einmal einer Woche einen regelrechten Ausnahmezustand gab, davon ist kaum noch etwas zu sehen: Die Straßen sind freigeräumt, die Mitarbeiter der Straßenmeisterei sind damit beschäftigt, umgestürzte Schilder und Leitpfosten wieder aufzustellen, und die Berge von Schnee an den Straßenrändern mit Fräse und LKW abzutransportieren. „Jeder Winter ist ein Wettkampf“, weiß Markus Eder. Und wer im Allgäu arbeitet, der wisse, was auf ihn zukommt. „Aber was dann gekommen ist, war wirklich eine Herausforderung“, ergänzt Leonhard Koch. Dabei fing der Winter recht harmlos an. „Bis Weihnachten sind wir nur unsere Streurunden gefahren“, erinnert sich Eder. Doch Anfang des Jahres ging dann „die Post ab“.         

Extreme Mengen an Neuschnee in kürzester Zeit

Innerhalb kürzester Zeit fielen extreme Mengen an Niederschlag. Viel Arbeit für die Mitarbeiter der Straßenmeisterei Sonthofen, die unter anderem 24 Stunden am Tag Teile der B19 – liebevoll auch „Schlagader des Allgäus“ genannt – und der B308, mit dem Nadelöhr bei Oberstaufen, betreuen. Und als ob der viele Schnee noch nicht ausgereicht hätte, machte den Männern und Frauen zeitgleich auch die unterschiedliche Höhenlage zu schaffen. Während der höchste Punkt innerhalb ihres Einsatzgebietes bei 1.409 Metern liegt, besteht zum niedrigsten eine Differenz von 650 Metern. Die Folge: „Unten hat es geregnet, während oben extrem viel Neuschnee in kürzester Zeit fiel“, erinnert sich Koch und fügt humorvoll hinzu: „Das war das eigentlich Sportliche an der Sache.“ Denn in wenigen Stunden kam vom Regen über Eisregen bis hin zum Schneebruch alles zusammen. Die sechs eigenen Großfahrzeuge der Straßenmeisterei Sonthofen sowie die elf Fahrzeuge von Fremdunternehmen waren ab diesem Moment im Dauereinsatz. Die gewohnte Schichteinteilung musste mitunter über den Haufen geworfen werden. Die Mitarbeiter waren nonstop auf den Straßen unterwegs. „Ihre Familien haben sie kaum noch zu Gesicht bekommen“, berichtet Eder und spricht gleichzeitig ein großes Lob aus: „Nicht einer unser Mitarbeiter ist in dieser Zeit ausgefallen.“

Bereits einige Tage vor dem Lawinenabgang in Balderschwang spitzte sich die Lage zu. „Am Mittwoch gab es auf der OA 5 die erste Straßensperre“, erinnert sich Eder. Denn entlang des gesperrten Teilstückes befindet sich eine steile Felswand, an der die Tannen unter der Last des Schnees umzuknicken drohten. Am Nachmittag kam dann der erste Anruf aus der Gemeinde Balderschwang. „Wir wurden informiert, dass die Lawinenkommission kommt, um zu überprüfen, wie gefährlich die Lage an den Hängen ist“, berichtet Koch. Bei diesem Termin, an dem die Gefahrenlage überprüft und ein sogenanntes Schneeprofil erstellt wurden, waren beide Vertreter der Straßenmeisterei mit vor Ort. Denn am Ende gibt die Lawinenkommission zwar eine Empfehlung ab, die Entscheidung jedoch, ob die Straße gesperrt wird oder ein Sprengmeister für eine organisierte Sprengung der Schneedecke organisiert werden muss, trifft der Baulastträger. Im Fall der OA 9 bei Balderschwang ist das der Landkreis Oberallgäu. „Also wir“, erklärt Koch, da die Straßenmeisterei Sonthofen eine Kooperation aus dem Staatlichen Bauamt Kempten und dem Landkreis Oberallgäu ist. „Uns war das zu gefährlich, deshalb haben wir ein rund 300 Meter langes Teilstück der Fahrbahn vorsorglich sperren lassen“, lässt Koch die Entscheidung noch einmal Revue passieren. Die kontrollierte Sprengung erfolgte am nächsten Tag. Da aber kein Schnee abging, wurde die Sperrung am darauffolgenden Tag auch schon wieder aufgehoben. Nur kurze Zeit später fielen erneut große Mengen an Neuschnee, so dass das Prozedere gleich darauf wiederholt werden musste.  

Straßenmeisterei hilft bei der Evakuierung

Am Samstag, zwei Tage vor dem Lawinenabgang in Balderschwang, wurde schließlich entschieden, die rund 2,5 Kilometer lange Strecke von Balderschwang bis zur österreichischen Grenze wegen des starken Schneefalls zu sperren. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellt. Denn in der Nacht auf Sonntag geht ein Teil der Lawine ab, der die Kreisstraße zum Teil verschüttet. Auch die Hotels im gefährdeten Gebiet werden informiert – ein Grund dafür, warum der Bereich des Hotels Hubertus, in den nur zwei Tage später die Lawine hineinrauscht, bereits vorsorglich evakuiert war und somit niemand verletzt wurde. Als die beiden Leiter der Straßenmeisterei Montagfrüh um 5.15 Uhr über die Katastrophe in Balderschwang informiert werden, stellen sie sofort zwei ihrer Fahrzeuge dort ab, um dabei zu helfen, die Hotelgäste in Sicherheit zu bringen. Doch genau hier bahnt sich schon das nächste Problem an: Denn zu diesem Zeitpunkt ist das Allgäuer Örtchen nur noch über den Riedbergpass zu erreichen. Einen Teil der Anfahrtswege hat die Lawine dicht gemacht, der andere musste wegen Lawinengefahr vorsorglich gesperrt werden. Und auch der Riedbergpass war nicht gerade die erste Wahl aller Beteiligten. Bereits mehrmals musste die Straßenmeisterei hier anrücken, um umgeknickte Bäume abzuschneiden. Der Schnee hatte mittlerweile eine Höhe von 2,4 Metern erreicht. „Wir mussten also entscheiden, ob wir überhaupt die Sicherheit geben können, den Riedbergpass zu passieren“, erzählt Koch.

Die Entscheidung fiel zugunsten des Riedbergpasses. Um die Fahrbahn wenigstens einigermaßen für die Evakuierung frei zu bekommen, musste die Straßenmeisterei Sonthofen schließlich härtere Geschütze als ihr gewöhnliches Winterdienstequipment auffahren: Zum Einsatz kommt, zusätzlich zum Räumdienst, ein Unternehmer-Traktor samt Schneefräse sowie eine überregionale Großraum-Schneeschleuder, angebaut an einem der MAN-LKW der Straßenmeisterei. Von Letzterem kolossalen Anbaugeräten gibt es nur noch eine Hand voll in ganz Deutschland. Entwickelt wurden derartige Schleudern im Dritten Reich, um den Soldaten den Einmarsch ins schneereiche Russland zu erleichtern. Damals befestigte man die massiven Geräte an der Front der Panzer. Heutzutage werden die letzten übriggebliebenen staatlichen Großraum-Schneeschleudern in ganz Deutschland auf Bedarf vom Freistaat Bayern verliehen – immer dann, wenn die Bundesländer den Schneemassen nicht mehr Herr werden. So wie an diesem Montag im Allgäu. Nachdem es gelingt, mit der Großraum-Schneeschleuder eine Fahrbahn freizuräumen, werden die Hotelgäste im Kolonnensystem den Riedbergpass hinuntergeleitet. „Das hat nur funktioniert, weil Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und wir eine Einheit waren“, berichten Koch und Eder voller Stolz.   


Weder die Mitarbeiter noch die Fahrzeuge machen schlapp

Während der Aktion in Balderschwang zeigt das Wetter unaufhörlich seine gesamte Bandbreite. Der Winterdienst läuft pausenlos weiter. Unterstützung bekommt die Straßenmeisterei von allen Seiten: Das Wasserwirtschaftsamt stellt zwei ihrer Fahrzeuge und Männer zur Verfügung, die bei der Verladung des Schnees mithelfen, ein Forstunternehmen und örtliche Feuerwehren kümmern sich um Bäume, die gefällt werden müssen. Weitere Straßen müssen gesperrt werden, darunter auch das Oberjoch, das wegen des starken Schneebruchs unpassierbar geworden ist. „Das ist in all den Jahren noch nie vorgekommen“, sagt Eder. Die Bergwacht hilft beim Abräumen der Schneebretter unterhalb der Kanzel. Bagger und Radlader eines Fremdunternehmens rücken an und beseitigen die Schneemassen an der Fahrbahn. Die B 308 , der Aufstieg zum Paradies bei Oberstaufen und die ST 2005 Weißach-Oberstaufen müssen wegen Schneebruchs gesperrt werden. Hier sind die Straßenmeisterei, ein Forstunternehmen mit Rückezug und die Feuerwehr mit Drehleiter unterstützend im Einsatz. Ebenfalls die ST 2006 als Verbindungsstraße zwischen Immenstadt und Missen muss über Nacht gesperrt bleiben. „Das Landratsamt stimmte gemeinsam mit uns die aktuelle Lage ab und wir entscheiden, dass kein Katastrophenfall, wie in Bad Tölz, ausgerufen wird“, berichtet Eder und fügt hinzu: „Aber nur, dank des pausenlosen Einsatzes der Mitarbeiter. Das Bauamt und die Straßenmeisterei konnten auf jeden Mann zurückgreifen. Wir haben uns alle wacker geschlagen.“ Genauso wie bei den Menschen, trifft das auch auf die Maschinen zu. Denn widererwartend machte auch keines der eingesetzten Fahrzeuge, trotz der enormen Belastung, schlapp. „Wir wissen schon, warum wir unsere LKW alle acht und die Unimog alle sechs Jahre austauschen“, meint Eder im Nachhinein mit einem Schmunzeln.   

Jetzt, nachdem sich der Winter wieder einigermaßen beruhigt hat, sind die Wartungsarbeiten an den Maschinen in vollem Gange. „Das ein oder andere Teil geht bei solchen Extremeinsätzen dann doch kaputt“, weiß Eder. So werden die Schneefräsen durchgecheckt, die Buchsen und Lager der Großraum-Schleuder überprüft, aber auch die Schürfleisten der Schneepflüge gewechselt. Während die beiden Leiter der Straßenmeisterei Sonthofen mir ihren Fuhrpark zeigen, werden die ersten 26 von 400 Tonnen nachgeordertem Steinsalz abgeladen. „Wir benötigen immer zwischen 4.500 und 6.000 Tonnen Salz“, berichtet Eder. 4.500 Tonnen sind bislang bereits verbraucht worden. Ob Sie glauben, dass es das jetzt mit dem Winter war, will ich von den beiden wissen. Die Antwort bekomme ich mit einem Lächlen: „Sicher sind wir da nie. Schließlich ist nichts unberechenbarer als das Wetter. Aber: Wir sind auf jeden Fall gerüstet!“



Fakten zur Straßenmeisterei Sonthofen

Leitung der Straßenmeisterei: Leonhard Koch und Markus Eder
Anzahl der Mitarbeiter:
33; davon 2 Sekretärinnen, 6 KFZ-/Landmaschinen-Mechaniker, 4 Maurer, 4 Schreiner, Landwirt, Fliesenleger, Elektriker sowie ausgebildete Straßenmeister (ab September auch 2 Azubis)
Aufgabenbereich:
Winterdienst, Grünflächen- und Gehölzpflege, Fahrbahnreinigung, Markierungsarbeiten, Schadstellensanierung, Unterhaltung der Liegenschaften des Landkreises (unter anderem Landratsamt, Berufsschule Immenstadt, Jugendtagungshaus Diepolz, Badeplätze), Unterhaltung von 2 Tunnel, einer Pumpstation für Regenwasser, 20 Ampelanlagen, Auffangzäunen an Felswänden sowie rund 500 Ingenieurbauwerke (Lärmschutzwände, Brücken, usw.)
Ausstattung des Fuhrparks:
2 Unimog (U530 und U300), 3 MAN Dreiachs-LKW, 1 Kehrmaschine, 9 Sprinter bzw. Caddy, 1 Mähtrac, 2 Radlader, 1 Mähraupe, 2 Radmäher, 6 Sicherungsanhänger, 10 Tandem- od. Einachsanhänger, 1 Tiefladeranhänger, 1 Tandemanhänger für LKW, 2 Vorbaukehrbesen, 1 Leitpfostenwaschgerät, 2 Seitenschleudern, 2 Randstreifenmähgeräte, 2 Frontmähgeräte, 1 Auslegermähgerät, 1 Mähgutanhänger
Verantwortungsbereich:
Betreuung von rund 258 km an Bundes-, Staats- und Kreisstraßen (darunter die B19 und B308) sowie 20 Kilometer an Rad- und Gehwege des Landkreises. Das Einsatzgebiet reicht von Kempten im Norden bis zur Grenze zum Kleinwalsertal im Süden sowie vom Oberjoch im Osten bis zum Landkreis Lindau im Westen. Das Oberjoch ist Deutschlands höchster Punkt im Bundesfernstraßennetz mit 1187 m. Der Riedbergpass ist Deutschlands höchste Passstraße mit 1409 m.
Organisation:
Die Straßenmeisterei Sonthofen untersteht als Kooperationsmodell dem Staatlichen Bauamt Kempten sowie dem Landkreis Oberallgäu.

Text: Jessica Gsell – Redaktion Bauhof-online.de
Bilder: Straßenmeisterei Sonthofen/Markus Eder/Leonhard Koch/Landratsamt Oberallgäu/Bauhof-online.de

Verwandte Artikel

Nach oben
facebook youtube twitter Instagram rss