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Was ist differenzierter Winterdienst?

Durch den differenzierten Winterdienst versprechen sich Kommunen eine umweltfreundliche Art der Schneeräumung. Doch wie kann eine Umsetzung aussehen und warum ist das Konzept noch nicht großflächig in Deutschland angekommen?

Lesedauer: min | Bildquelle: Pixabay: Planet Fox/Stux
Von: Tim Knott

Wie in jedem Jahr hat der Schnee die Straßen fest im Griff, und wie in jedem Jahr kommt mit ihm auch die alte Frage nach dem optimalen Streusalz-Einsatz. Die umweltschädigende Wirkung des ausgebrachten NaCl ist seit langem bekannt, jedoch scheint es keinen geeigneteren Rohstoff zu geben. Daher rufen Naturschutz-Initiativen, wie z.B. der BUND, zum differenzierten Winterdienst auf, um die Belastung der Pflanzen zu reduzieren.

Was sich genau hinter dieser Bezeichnung verbirgt, bleibt zunächst unklar, da jeder Anwender etwas anderes darunter zu verstehen scheint. Für Dr. Horst Hanke, den Vorsitzenden des deutschen Fachausschuss Winterdienst ist es auch diese Vieldeutigkeit, die die Bezeichnung ungeeignet macht.


Definition differenzierter Winterdienst

„Ich halte das Schlagwort ‚differenzierter Winterdienst‘ nicht für sinnvoll“, erklärt er. Dabei handle es sich um einen Begriff aus der Vergangenheit. Dieser sei ursprünglich ein Gegenentwurf zu den Vorgehensweisen der Straßendienste der sechziger und siebziger Jahre gewesen, als vergleichsweise riesige Mengen an Streusalz auf den Straßen ausgebracht wurden. Damals habe es schon zu differenziertem Winterdienst gehört, wenn mit Splitt anstelle von Streusalz gearbeitet wurde.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Begriff tatsächlich etwas unglücklich gewählt, doch was wäre eine bessere Definition? Hanke holt aus: „Winterdienst, der nach Zeit und Ort seine Verfahrensweisen differenziert.“ Klingt zugegebenermaßen etwas sperriger, beschreibt jedoch treffend, worum es bei den Maßnahmen geht, die heutzutage mit dem Label „differenzierter Winterdienst“ versehen werden. Hier kommt es auf eine genaue Beobachtung der Gegebenheiten an, um für jede Witterungssituation die richtige Bodenbehandlung zu gewährleisten und Streusalz selektiv einzusetzen, dass mit geringem Einsatz eine maximale Wirkung erzielt wird.

Probleme mit dem Gesetzgeber müssen die kommunalen Straßendienste dabei nicht befürchten, denn eine gesetzliche Streupflicht besteht auf Nebenstraßen nicht, sondern nur innerorts an gefährlichen Stellen, z.B. auf wichtigen Durchgangsstraßen, Fußgängerwegen und öffentlichen Parkplätzen. Viel wichtiger als die ausgebrachten Rohstoffe sei jedoch die Streutechnik. Hanke empfiehlt vor allem das vorbeugende Streuen. Wenn z.B. bei überfrierender Nässe vor dem Frost Feuchtsalz ausgebracht wird, könnten Anwender bis zu 50 Prozent des Streuguts sparen, betont er.

Differenzierter Winterdienst in der Praxis

Wie das in der Praxis aussehen kann, berichtet Markus Holland-Lange, Dispositionsleiter Reinigungsbetrieb des aha Zweckverbandes Abfallwirtschaft Region Hannover. In der niedersächsischen Hauptstadt beginnt der Winterdienst zuerst mit einer Evaluation des Wetters. Hierbei setzen die Hannoveraner auf spezialisierte Wetter-Apps und die Erfahrung ihrer Mitarbeiter, um die Lage richtig einzuschätzen.

Ist die Straßen-Situation immer noch unklar, werden Kontrollgruppen mit Streuwagen durch die Metropole geschickt, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Zusätzlich haben sie auch Material an Bord, um Gefahrenstellen wie Brücken, Gefälle und Steigungen erstmals mit Sole zu behandeln, bis die eigentlichen Streufahrzeuge ausrücken können.

Dabei wird vor allem mit FS30 gearbeitet, aber auch Streusysteme für FS 100 sind vorhanden. Dies sei besonders wichtig, betont Holland-Lange, denn das flüssige Taumittel bleibe im Gegensatz zu Streusalz auf der Fahrbahn haften. Und sogar im Vergleich zu FS30 sei eine Salzreduzierung von bis zu 20 Prozent möglich.

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Es gibt keine Alternativen zu NaCl

Die richtige Wahl der Streumethoden und Streustoffe kann also die Effektivität des Winterdienstes erhöhen und gleichzeitig die ausgebrachte Streusalzmenge verringern. Darüber hinaus gibt es auch Forschungsinitiativen und Projekte, die beim Streumittel selbst ansetzen, um eine umweltschonende Alternative zu NaCl zu finden. Hanke schätzt diese Bemühungen jedoch eher pessimistisch ein: „Alternativen gibt es einfach nicht“, stellt er fest. Natürlich werde nach anderen Mitteln geforscht, aber am Ende bleibe immer NaCl übrig. Anders ausgedrückt: „Es gibt keinen Stoff, der umweltfreundlicher ist als Streusalz und auch eine Tauwirkung hat.“

Auch bei einem abstumpfenden Mittel wie Splitt fällt das Urteil des Experten negativ aus: Splitt streuen sei nicht nur nutzlos, sondern auch „umweltschädlicher, als wenn ich gar nichts mache“. Zusätzlich zu einer geringen Effektivität beim Einsatz auf Straßen weist Splitt auch eine deutlich schlechtere CO2 -Bilanz als NaCl auf. Denn neben Gewinnung und Transport müssen die Steinchen nach ihrem Einsatz noch aufwendig von der Straße gefegt werden.

Eine minimierte, auf maximale Effektivität bedachte Ausbringung von Streusalz oder Sole wie in Hannover scheint also der einzige Weg zu einem umweltfreundlichen Winterdienst zu sein.

Kein Schema F

Jetzt stellt sich allerdings die Frage, warum diese Art des Winterdienstes nicht etablierter ist. Zwar setzen viele Betriebe auf ähnliche Maßnahmen, allerdings ist die Methode noch nicht im kompletten deutschsprachigen Raum angekommen. „Ich sag es mal so: Wir sind nicht die ersten, aber auch nicht die letzten die sowas implementiert haben“, fasst Holland-Lange die Situation zusammen. Das hat mehrere Gründe – einerseits unterscheiden sich die regionalen Anforderungen an den Winterdienst, sodass es kein Schema F gibt, an das sich alle halten könnten. Andererseits sind städtische Winterdienste an die Vorgaben ihrer jeweiligen Kommune gebunden. Von daher wird es wahrscheinlich noch etwas länger dauern, bis der differenzierte Winterdienst etablierter und die Frage nach dem optimalen Streusalz-Einsatz endlich geklärt ist.

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