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BAUHOF MARKTOBERDORF Blitzeis statt Schnee: eine Nachtschicht im Winterdienst

Wenn in den frühen Morgenstunden der Berufsverkehr einsetzt, müssen die Straßen weitgehend frei von Glätte sein – andernfalls steigt das Unfallrisiko deutlich. Dabei sind schnee- und eisfreie Verkehrswege keine Selbstverständlichkeit. Während andere noch schlafen, sind eine Handvoll Bauhof-Mitarbeiter bereits ab drei Uhr nachts unterwegs, um mit schwerem Gerät zu räumen. In Marktoberdorf begleitete die Bauhof-Online-Redaktion kürzlich eine Nachtschicht des kommunalen Winterdienstes.

Lesedauer: min | Bildquelle: David Herwede (Bauhof-online)
Von: David Herwede

Damit hatte mal wieder niemand gerechnet: Obwohl die Temperaturen im Ostallgäu durch den Wintersturm „Elli“ zwischenzeitlich auf bis zu -17 Grad gefallen waren, wurden in der Nacht zum Freitag (09. Januar) plötzlich zwei Grad plus gemessen. Dadurch änderte sich auch der Niederschlag: Während es in den Vortagen schneite, regnete es in dieser Nacht durchgehend. Auf den Straßen rund um Marktoberdorf entstand dadurch gefährliches Blitzeis, was an diesem Morgen noch den ein oder anderen Verkehrsteilnehmer ins Rutschen bringen sollte.

Am Bauhof im Stadtteil Engratsried fällt Nachtschicht-Leiter Gerhard Maier die Entscheidung darüber, ob in dieser Nacht geräumt werden muss, nicht schwer. Mit einem knappen „Du, wir müssen fahren!“ trommelt er drei weitere Mitarbeiter zusammen, und keine fünf Minuten später versammeln sich alle im Besprechungsraum – und das um drei Uhr in der Nacht. Trotz Müdigkeit ist die Stimmung unter den routinierten Mitarbeitern ausgelassen.

Nach einem schnellen Kaffee rücken die Experten aus, und zwar mit den schwersten Fahrzeugen, die zur Verfügung stehen. An diesem Freitag kommen u.a. ein MAN TGS 18.520 Zweiachs-Lkw, ein MAN TGS 28.430 Dreiachs-Lkw und ein weiterer Zweiachser von IVECO zum Einsatz. Maier fährt heute den MAN-Zweiachser: „Unsere Route führt westlich von Marktoberdorf zunächst über Unterthingau sowie Kraftisried, und dann im Bogen über Aitrang und Ruderatshofen nördlich der Stadt“, so der Schichtleiter. Es ist eine von insgesamt sechs Einsatzstrecken, für die der Bauhof zuständig ist.

Moderne Technik für zusätzlichen Komfort

Zwar sehen sich die Mitarbeiter hin und wieder gezwungen, aus dem Fahrzeug in die nächtliche Kälte zu steigen – z.B. um größere Objekte per Ladekran zu entfernen, die durch Verwehungen auf die Fahrbahn gerieten. Ist dies allerdings nicht der Fall, bieten die zeitgemäßen Fahrzeuge und Anbaugeräte genug Komfort und Bedienfreundlichkeit, um sich wohlzufühlen. Maier stehen im beheizten, geräumigen Fahrerhaus drei übersichtliche Steuergeräte zur Verfügung: eines für den Schneepflug, ein größeres für den IMS-Streuer und das dritte für ein Mobiworx-Telematiksystem. Einige Prozesse, wie z.B. die Anpassung des Feuchtsalz(FS)-Anteils am Streuer, sind automatisiert.

Zwar könnten die Mitarbeiter den FS-Anteil auch selbst einstellen, allerdings greift das Küpper-Weisser-System auf Sensorik zurück, über die z.B. die Fahrbahn-Temperatur gemessen wird – so lässt sich der Anteil präziser bestimmen. Was Maier jedoch manuell steuert, sind die Salzmenge in Gramm sowie die Streubreite, die er während der Fahrt mehrmals anpasst. Dafür genügt ein kurzes Tippen auf dem Touchscreen der Steuereinheit.

Befüllt werden die Streuer im Vorfeld über einen Sole-Erzeuger von WESA-TEC. Eine Füllung (2.240 Liter) reicht laut Maier in etwa für zwei Streufahrten, allerdings würden die Fahrzeuge nach jedem Einsatz gewaschen und betankt. Größere Probleme treten nur selten auf, und die verfügbare Salzmenge reichte bislang nahezu immer aus. Maier: „Nur einmal in meiner Laufbahn wurde das Salz knapp, als Alternative haben wir damals Kunstdünger verwendet. Heute besitzt der Landkreis zwei ausreichend große Salzhallen, wodurch eine Winterbeschaffung nur noch für ein Paar Salzsilos an den Kreisstraßen nötig ist.“


Unfälle kommen vor

Während sich der Schneepflug durch die Straßen arbeitet, klingelt Maiers Handy – die Polizei Kaufbeuren ruft an. In der Nähe sei ein Sattelzug ins Schleudern geraten und stehe jetzt quer. Mit einem weiteren Anruf wird ein Bauhof-Mitarbeiter zur Unfallstelle beordert – doch kurze Zeit später klingelt das Handy erneut, nun ist der Streifenwagen stecken geblieben. Maier: „Wir sitzen momentan selbst in einem Ersatzfahrzeug. Anfang Dezember hatte der Scania-Lkw des Bauhofs einen Unfall mit einem Sprinter, wodurch Schneepflug und Fahrerhaus beschädigt wurden. Er befindet sich jetzt in einer Spezial-Werkstatt bei Stuttgart.“

Kurioserweise entsteht das meiste Blitzeis zwischen fünf und sechs Uhr und nicht mitten in der Nacht, denn die Erdoberfläche strahlt bis zu diesem Zeitpunkt noch Wärme ab. Allerdings taut Eis, das der Schneepflug zu dieser Zeit nicht vollständig abtransportieren kann, zügig auf. Dies geschieht durch das verwendete Feuchtsalz sowie den auftretenden Berufsverkehr, dessen Anteil am Tauprozess laut Maier nicht zu unterschätzen sei. Werktags führt der Fendt-Hauptsitz in Marktoberdorf zu erhöhtem Verkehrsaufkommen, weshalb der Bauhof bereits um drei Uhr mit der Nachtschicht beginnt.

Mit seiner Erfahrung aus knapp 30 Jahren Bauhof-Arbeit weiß Maier: „Die Winter sind in den letzten Jahren etwas milder geworden, früher schneite es häufiger. Allerdings kommt es in den Senken bei Nesselwang häufig zu Verwehungen – da liegt im Winter praktisch immer Schnee.“ Unabhängig davon stehen die Mitarbeiter während der Winterdienst-Monate stets bereit, und sollte es in der Nacht nicht geregnet oder geschneit haben, erfolgen dennoch Kontrollfahrten. Wenn geräumt werden muss, werden alle Routen jeweils ein- oder zweimal abgefahren.

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Naturschutz: ein ewiger Kampf

Das Team ist hierarchisch eingeteilt: Unter dem Bauhof-Leiter sowie seinem Stellvertreter arbeiten zwei „Stramots“ (Anm. d. Red.: „motorisierte Straßenwärter“), die in erster Linie für Streckenkontrollen, Beschilderungen und Leitplanken zuständig sind, und auf der Baustelle koordinieren Vorarbeiter die Einsätze. Wie üblich unterliegt der Bauhof als Kommunalbetrieb der Zuständigkeit des Tiefbauamts, und auch die Naturschutzbehörde habe bei Umwelt-Fragen laut Meier eine „Riesenmacht“.

Innerorts müssen die schweren Fahrzeuge besonders vorsichtig eingesetzt werden, um zu verhindern, dass Schnee etwa gegen Hauswände geschleudert wird. Die Frage, ob die Mitarbeiter dabei unterschiedliche Pflug-Modelle verwenden, verneint Maier: „Früher kam hin und wieder der Spitzpflug zum Einsatz, das war aber immer ein wenig wie Harakiri – wenn man nicht präzise fährt, verhakt er sich in der Böschung.“

Bei extremer Glätte müssen zudem Schneeketten auf die Räder der Lkw gezogen werden. Hierauf versuche das Team nach Möglichkeit zu verzichten, da der Vorgang bis zu einen halben Arbeitstag in Anspruch nehme. Außerdem seien alle Fahrzeuge inzwischen mit Allradantrieb ausgestattet, was das Aufziehen der Ketten i.d.R. überflüssig mache. Wie so oft, leistet hier also moderne Technik einen nicht unerheblichen Beitrag zu einem gut funktionierenden Ablauf. Maier zusammenfassend: „Geh‘ mit der Zeit, sonst gehst du mit der Zeit!“

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