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TB Reutlingen fühlt H2-Technologie auf den Zahn – Wasserstoff-Müllsammler von Zoeller im Einsatz

Reutlingen setzt neuerdings auf Wasserstoff. Ein Zoeller-Abfallsammelfahrzeug mit Brennstoffzellen-Technologie verrichtet seit Anfang Juni in der jüngsten Großstadt Baden-Württembergs seine Dienste. Anhand eines umfassenden Messprogramms vergleichen die Schwaben in den kommenden Jahren Betriebsdaten, Emissionsmessungen, Verbrauchswerte und Kosten mit jenen eines dieselbetriebenen Fahrzeugs.

Lesedauer: min | Bildquelle: Michael Loskarn - Redaktion Bauhof-online.de
Von: Michael Loskarn

Freilich stehen haltbare Ergebnisse derzeit noch aus. Dennoch zeigt sich das Team um den Leiter der Technischen Betriebsdienste Reutlingen (TBR), Stefan Kaufmann, durchaus beeindruckt von der neuen Maschine. „Prinzipiell sind wir sehr zufrieden mit dem Fahrzeug“, sagt Thomas Pferner, Sachgebietsleiter Abfallwirtschaft. Deutlich ruhiger bewege sich das Gefährt durch die Siedlungen, was insbesondere in den frühen Morgenstunden den Bürgern zugutekomme. „Wir haben keinen Diesellärm, weniger Vibrationen und unsere Mitarbeiter atmen keine Abgase ein.“ Derzeit werde „sehr viel rein elektrisch“ gearbeitet, ergänzt Matthias Kuster, stellvertretender Betriebsleiter. Will heißen: Über Nacht laden die Schwaben das Batteriepaket des Müllsammlers und fahren „so viel wie möglich elektrisch“. Immerhin kosteten momentan 100 km Reichweite aus der Brennstoffzelle das Dreifache gegenüber einem Dieselaggregat.

Allein, der Start in die umweltfreundliche H2-Mobilität verläuft in Reutlingen etwas holprig: Bereits nach wenigen Tagen wird das Mitte März gelieferte Fahrzeug vom Hersteller zurückgeholt. „Probleme bei der Betankung sowie mit der Software des Wandleraggregates“, führt TBR-Chef Kaufmann an – inklusive Hinweis, genauere Details nicht zu kennen. Zoeller-Systems-Geschäftsführer, Markus Dautermann, bringt in diesem Zusammenhang etwas mehr Licht ins Dunkel, ohne ins Detail gehen zu wollen: „Der wesentliche Grund der Verzögerung waren Corona-bedingte Lieferengpässe bei verschieden Komponenten und Bauteilen, welche uns bis heute weiterhin begleiten. Zusätzliche Herausforderungen entwickelten sich bei der Inbetriebnahme des kompletten Systems.“


Gefordert: 100 Prozent Leistung bei null Emission

Wie auch immer: 14 Müllsammelfahrzeuge sind täglich in der Kernstadt sowie den zwölf Bezirksgemeinden unterwegs, um Bioabfall, Altpapier, Restmüll und Sperrmüll einzusammeln. Auf den Touren gilt es, vom Neckar bis zur Schwäbischen Alb bis zu 500 Höhenmeter zu überwinden. Für die Reutlinger stand deshalb fest: Ein Lkw mit alternativem Antrieb muss dieselben Leistungswerte erreichen, wie jener mit Dieselmotor. Außerdem sollten ca. zehn Tonnen Zuladung möglich sein, die Technik bei Presswerk und Lifter zuverlässig arbeiten sowie genügend Energie an Bord zur Verfügung stehen, um eine Sammeltour vollständig ohne Zwischentankung oder -entladung leisten zu können. Kurz gesagt: 100 Prozent Leistung bei null Emission.

Beim Reutlinger Fahrzeug sind die Funktionskomponenten von Aufbau, Presswerk und Lifter gegenüber dem herkömmlichen unverändert. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass die notwendige Energie nicht mehr aus einem Verbrennungsmotor, sondern aus drei Elektromotoren mit insgesamt 285 kW Leistung kommt, die aus einem Batteriepaket gespeist werden. Dieses musste allerdings vom spezifischen Eigengewicht her so klein dimensioniert sein, dass immer noch Sammelmengen von je zehn Tonnen erreicht werden können. Die gespeicherte Energie aus der innerhalb von 4,5 Stunden über Nacht vorgeladenen Batterie reicht jedoch nicht aus, um die gesamte Tour zu fahren. Deshalb erzeugt die Brennstoffzelle aus dem Wasserstoff während der Fahrt Strom, der in die Batterie gespeist wird. Zusätzlich wird über Rekuperation Energie bei Bremsvorgängen zurückgewonnen. Pro durchschnittlicher Abfallsammeltour – circa zweimal zehn Tonnen Müll pro Tag – benötigen die Großstädter rund 160 kWh Energie, davon etwa 60 kWh aus der vorgeladenen Batterie, 35 kWh aus der Rekuperation sowie weitere 65 kWh aus der Brennstoffzelle. Für etwa drei bis vier Sammeltage reicht der Wasserstoffvorrat in den vier Tanks.

Mit rund 875.000 Euro schlägt der H2-Müllsammler zu Buche. Über das Sofortprogramm „Saubere Luft“ erhält die Kreisstadt rund 550.000 Euro an Fördermitteln vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Bei 90 Prozent – bezogen auf den Mehrinvestitionsaufwand gegenüber einem herkömmlichen Fahrzeug – liegt die Förderquote. Einen jährlichen Mehrbetrag in Höhe von 8.500 Euro – trotz höherer Abschreibung – ist der Öko-Müllwagen der früheren Reichsstadt auf den ersten Blick wert. Dies werde jedoch bei genauerer Betrachtung durch die deutlich niedrigeren Betriebskosten für Energie – Wasserstoff und Strom anstelle von Diesel – mehr als ausgeglichen, ist sich TBR-Chef Kaufmann sicher. Doch auf Vermutungen gibt der Diplom-Ingenieur nichts, er will zusammen mit Hersteller Zoeller verlässliche Daten erheben, um eindeutig die „gleichwertige Leistungsfähigkeit zu belegen, die Umweltsituation zu bewerten und um eine belastbare Lebenskostenanalyse vorzulegen“. Erste Ergebnisse sollen bereits Mitte nächsten Jahres präsentiert werden.

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Telematiksystem wertet relevante Daten aus

Kaufmann hat außerdem den ständigen Austausch mit Vertretern anderer kommunaler Käufer angeregt. Hinter dieser Idee steht auch Zoeller-Chef Dautermann: „Sobald alle 20 Fahrzeuge ausgeliefert sind, werden wir alle Kunden zu einem Online-Regeltermin einladen. Dieser Termin soll dem gemeinsamen Erfahrungsaustausch dienen. Hier wollen wir ein Feedback aller Kunden einholen, unsere ersten Erkenntnisse mitteilen, Maßnahmen aufzeigen und ebenfalls einen Gedankenaustausch der Kunden untereinander anregen.“ Neben Reutlingen sind zwischenzeitlich 18 weitere deutsche Kommunen – sowie eine französische – stolze Besitzer von BluePower-Fahrzeugen der KIRCHHOFF Ecotec. „Zum Ecotec-Verbund gehören die beiden Firmen Faun und Zoeller, welche auch beide jeweils die Fahrzeuge vertreiben“, klärt Dautermann auf. Und weiter: „Bei den Fahrzeugen wurde ein Telematiksystem installiert, welches uns ermöglicht, alle relevanten Daten und Störungen bzw. Fehlermeldungen genauestens auszuwerten und im Anschluss zu analysieren. Ebenfalls wird die zurückgelegte Distanz, die Zuladung sowie der Verbrauch der Batterie und des Wasserstoffes analysiert.“

Zusätzlich führt jeder der vier Reutlinger Fahrer im Anschluss an seine Tour einen händischen Datenabgleich aus. In Sachen Klimaneutralität bringen sich die Forscher der hiesigen Hochschule ein. Für die Wirtschaftlichkeitsanalyse steht dem TBR-Team stundenweise ein Student zur Seite. Außerdem werden bei Tests mit Rest- bzw. Papiermüll kontinuierlich Drücke geprüft. Schließlich wollen die Schwaben wissen, ob auch beim H2-Fahrzeug immer genügend Power in Sachen Antrieb von Presswerk und Lifter zur Verfügung steht. Apropos Power: Wasserstoff tanken die BluePower-Piloten im gut zehn km entfernten Metzigen – derzeit einmal pro Woche. Glücklicher Umstand: Dort befindet sich auch der Müll-Umschlagplatz.

Komfortabel gestaltet sich der Einstieg in den Niederflur-Lkw – als Basis verwendet Zoeller das reine Fahrgestell des Daimler Econic – ohne konventionelle Antriebstechnik. Dieser sogenannte Gleiter wird dann mit einem elektrischen Fahrantrieb, dem 85-kWh-NMC-Batterie-Modul, zwei Brennstoffzellen, vier H2-Tanks sowie einem On-Board-Charger bestückt. Direkt hinter dem Führerhaus befinden sich Steuereinheiten, Kühlelemente und Hochvolt-Verteiler – inklusive CCS-2.0-Ladeanschluss. Soweit die blanke Technik: Doch wirklich beeindruckend ist das dezente Surren des Elektroaggregats während der Fahrt, das eher an ein U-Boot auf Schleichfahrt, denn an einen Müllwagen erinnert. Auch Ralf Rempis, Bereichsleiter Müllabfuhr, der hinter dem Steuer des H2-Stromers sitzt, berichtet von „sehr positiven Eindrücken“. Und schiebt nach: „Es wird sich auf Dauer zeigen, wie sich das Fahrzeug im Arbeitsalltag bewährt.“ Ausgestattet ist der Zoeller 2738 mit allen sicherheitstechnischen Finessen wie Rückfahrkamera, Abbiege- und Totwinkelassistenz und, und, und. Auch die zweistufige Rekuperation hat es Rempis angetan. Dadurch spare der Lkw im Stop-and-go-Verkehr gegenüber dem Diesel-Laster rund 30 Prozent Energie. Einziger Wermutstropfen: Wenn Presswerk und Verdichtung richtig gefordert sind, ist der Vergleich mit dem U-Boot auf Schleichfahrt passé. Dann erinnert die Geräuschkulisse wieder an einen herkömmlichen Müllsammler.

Ein „Blumenstrauß an Maßnahmen“

Doch weshalb setzt die Stadt Reutlingen einerseits bzw. die KIRCHHOFF-Gruppe andererseits auf Wasserstoff-Technologie? Im Fall der schwäbischen Großstadt ist die Antwort recht trivial. Aufgrund hoher Feinstaubbelastungen und den drohenden Klagen durch das Land, stand dort ein Fahrverbot im Raum. Nachdem Kommunen solche Verbote genauso schätzen, wie die Hauskatze den streunenden Hund, „tun Städte alles, um ein solches Fahrverbot nicht aussprechen zu müssen“, bringt es Betriebsleiter Kaufmann lapidar auf den Punkt. Ergebnis sei ein „Blumenstrauß an Maßnahmen“, der dazu führen solle, die vereinbarten Umwelt- und Klimaziele einhalten zu können. Eine Maßnahme sei eben die Anschaffung des Abfallsammelfahrzeugs mit Brennstoffzelle gewesen.

Was dagegen den Milliarden-Konzern mit Hauptsitz in Iserlohn betrifft, fällt die Antwort komplexer aus. Selbstredend ist der geschäftsführende Gesellschafter, Johannes Kirchhoff, kein blauäugiger Klimaaktivist, der allein die Welt retten möchte, sondern in erster Linie ein Vollblut-Unternehmer. Dennoch spricht der 63-Jährige in Sachen H2-Technologie von „Balance zwischen Ökonomie und Ökologie“. Denn, gehe es um „karbonfreies Fahren“, so sei der Wasserstoff-Antrieb ökologisch und ökonomisch durchaus sinnvoll. Zumal der „Co2-Preis für fossile Kraftstoffe“ in den kommenden Jahren immer weiter steige. „Klar sieht der Wirkungsgrad der H2-Brennstoffzelle unglücklich aus“, so Kirchhoff weiter. „Wollen wir jedoch fossilfrei fahren, dann gibt es keinen anderen Weg – dann wird der Wirkungsgrad sekundär.“ Außerdem könne mithilfe der Plasmalyse Wasserstoff aus ammoniakhaltiger Biomasse gewonnen werden, und zwar mit lediglich einem Fünftel des bisherigen Energieaufwands.

In Sachen Energieaufwand steht derweil in Reutlingen erst einmal der Wasserstoff-Müllsammler auf dem Prüfstand: In einem knappen Jahr greifen die Schwaben dann auf fundierte Daten zurück.

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