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Tarron HP-2W – beflügelt mit voller Breite durch den Schnee

Von: Tobias Meyer

Über sechs Meter Räumbreite mit einem einzigen Pflug zu erledigen, hat einerseits technische Vorteile, andererseits wird es durch Anforderungen im Markt auch immer notwendiger. Aebi Schmidt hat daher den Tarron HP-2W entwickelt, Bauhof-online.de hat exklusiv bereits alles Wichtige über den neuen Pflug sowie über erste Prototypentests im vergangenen Winter erfahren.

Autobahnmeistereien arbeiten generell mit großen Fahrzeugen und Schneepflügen, um in der kalten Jahreszeit möglichst schnell wieder „freie Fahrt“ wünschen zu können. Dafür sind im Idealfall zwei Fahrzeuge versetzt nebeneinander unterwegs, ihre Pflüge sind dabei so breit, dass sie eine zwei- oder dreispurige Autobahn zusammen in einem Zug räumen können. Nötig ist dafür eine Räumbreite von mehr als sechs Metern pro Pflug. Bisher gab es dafür zwei Möglichkeiten: ein zusätzlicher Seitenpflug, der klappbar den Frontpflug ergänzt oder Teleskopräumschilde, die hydraulisch auf die benötigte Arbeitsbreite auseinandergefahren werden.

Der Seitenpflug ist sehr praktisch, da ein kleineres Frontschild so nur bei Bedarf erweitert werden muss, die Räumbreite kann zudem fast stufenlos variiert werden, etwa wenn um ein liegengebliebenes Fahrzeug heuumgeräumt werden muss. Der Trend geht aber immer mehr zum vierachsigen Lkw als Räumfahrzeug, bspw. auf Autobahnen – bisher wurden leichtere Dreiachser favorisiert. „Dafür sind aber häufig Ausnahmegenehmigungen erforderlich, was inzwischen seitens der Behörden kritisch betrachtet wird. Zudem reduzieren sich die Ladevolumen, wodurch nur mit niedrigen Streuvolumen gearbeitet werden kann. Daher erkennen wir derzeit verstärkt einen Trend zum Vierachser“, erklärt Florian Mertins, der die Entwicklung und das Produktmanagement Winterdiensttechnik bei Aebi Schmidt leitet. Durch die zusätzliche Achse sowie die komplexe Abgastechnik für Euro-VI, ist an Lkw nicht mehr genügend Anbauraum für einen Seitenpflug verfügbar. Daher ergab sich Bedarf für einen größeren Frontpflug, worauf Aebi Schmidt prompt mit dem Tarron HP-2W reagiert: Ein Vorseriengerät war im vergangenen Winter bereits in Thüringen auf einem ca. 50 km langen Autobahnabschnitt der A9 im Einsatz, ein weiterer wurde in den spanischen Bergen getestet.

„2W“ – zwei ausklappbare Flügel

Aebi Schmidt hat sich dabei für ein klappbares System entschieden, da es sehr stabil ausgelegt werden kann. Die Bezeichnung „2W“ im Namen des Pfluges steht für „two wings“, also zwei ausklappbare Flügel. Das Gerät kommt auf eine Nennbreite von 7,2 Meter, da der Pflug aber ja schräg arbeitet, räumt er bei 30 Grad Anstellwinkel effektiv 6,2 Meter Straße frei. Damit kommt er mehr oder weniger auf die gleiche Räumbreite wie die bisherige Konfiguration mit zusätzlichem Seitenpflug. Gefahren werden kann in vier verschiedenen Stellungen, denn die Flügel sind unterschiedlich breit: Bleibt die linke Seite eingeklappt, kommt man auf 5,1 Meter Arbeitsbreite, legt man den rechten Flügel an, sind es 4,5 Meter. Im komplett eingeklappten Zustand kommt der Pflug noch auf 3,4 Meter Räumbreite. Zwischenstellungen sind technisch nicht möglich. Die eingeklappten Seitenelemente werden automatisch angehoben, um das Räumen der aktiven Scharelemente nicht zu behindern. Vergleichbare Teleskopräumschilde setzen auf genau diese Funktionalität, sie sind quasi stufenlos in der Breite verstellbar, wodurch eine exakte Anpassung auch an kleinere Straßen möglich ist. Die Experten von Aebi Schmidt sehen das aber als nicht unbedingt notwendig an: „Die meisten Einsätze dieser Geräteklasse erfordern die maximale Arbeitsbreite, etwa auf Autobahnen. Wer eine solche Maschine kauft, will sie auch die meiste Zeit so nutzen. Außerdem bieten wir ja durch die Klappstellungen vier mögliche Arbeitsbreiten für kleinere Einsätze“, sagt Marcin Gajda, Produktmanager Schneepflüge bei Aebi Schmidt.


Ein Vorteil der Klapptechnik im Vergleich zum Teleskop: Der Tarron HP-2W konnte als mehrschariger Pflug gebaut werden, dessen sechs Segmente sich automatisch der Straßenkontur anpassen und kleine Hindernisse automatisch überspringen, bereits bekannt vom regulären Tarron HP mit 4,4 Meter Räumbreite. „Pflüge in Teleskopbauweise müssen technisch bedingt auf solche Features verzichten, weshalb ihr Räumergebnis nicht ganz so sauber ist. Außerdem ist der Teleskopmechanismus sicherlich anfälliger für frontale Krafteinwirkung, als unser Klappmechanismus“, ist sich Gajda sicher. Zudem sind die Schare einzeln an je vier Armen aufgehängt, die oberen beiden davon sind aus Polyurethan gefertigt. So können sie Schläge kompensieren, da die Schar quasi etwas nach hinten federn kann und so Schäden am Pflug verhindert werden. Außerdem öffnen die Hydraulikventile der Seitenteilverstellung bei Überdruck durch eine Kollision automatisch, wodurch sich die Flügel einfach einklappen. Die Teleskopvariante dagegen kompensiert so etwas viel schwerer,  ein starker Schlag kann schnell viel Schaden anrichten, da diese Bauform Biegungen nur schwer verkraftet.

Am Tarron HP-2W sorgen zudem drei Sensoren dafür, dass die Flügel beim Einklappen das Fahrzeug nicht beschädigen: Der erste erkennt den aktuellen Verschwenkungswinkel des Pfluges an sich und auch, ob er nach rechts oder links gerichtet arbeitet. Daraus kann errechnet werden, wie weit die beiden Seitenteile eingeschlagen werden müssen, damit sie exakt parallel zum Fahrzeug positioniert sind, dieses aber nicht beschädigen. Die LED-Positionslichter passen sich ebenfalls der aktuellen Arbeitsbreite an. So kann der Fahrer eines überholenden Autos immer genau sehen, wie breit das Räumfahrzeug vor ihm wirklich ist.

„Voraussetzung ist eine Neun-Tonnen-Vorderachse, dann kann das Gerät ohne Schwierigkeiten gefahren werden“, sagt Marcin Gajda, Produktmanager Schneepflüge bei Aebi Schmidt.

Das Gewicht ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, da Fahrzeuge im Winterdienst wie oben beschrieben sowieso bereits mit Schwierigkeiten hinsichtlich der Zuladung zu kämpfen haben. Der Tarron HP-2W wiegt voll ausgestattet inkl. LED-Warnleuchten ca. 1750 kg, im Vergleich sind das sehr gute Werte. Da der Pflug im Einsatz ja auf dem Asphalt aufliegt, ist hinsichtlich Nutz- und Achslast vor allem die Transportstellung entscheidend. Daher liegt der Schwerpunkt des neuen Modells nur etwa 40 cm vor der Anbauplatte des Fahrzeuges. So kann sogar ein Dreiachser damit räumen – inklusive 7-m3-Streuer – ohne überladen unterwegs zu sein: „Voraussetzung ist eine Neun-Tonnen-Vorderachse, dann kann das Gerät ohne Schwierigkeiten gefahren werden“, so Gajda.

Ein weiterer Vorteil gegenüber der Kombination mit Seitenpflug ist die einfachere Ausstattung des Trägerfahrzeuges, da dieses weniger komplex gebaut werden muss. Dies erleichtert auch die Diagnose im Fehlerfall, weil nur ein System untersucht werden muss. Außerdem ist der Fahrer lediglich auf eine Steuerung angewiesen: Der Seitenpflug hat bisher eine eigene, zusätzliche Steuerung benötigt, die in manchen Ländern sogar verpflichtend von einem Beifahrer gesteuert werden musste. Durch den breiten Tarron HP-2W kann alles von einem Terminal aus geregelt werden.

Um auch den Service und etwaige Reparaturen möglichst einfach und komfortabel zu gestalten, werden Schwenk- und Klappfunktion sowie das Ausheben durch Hydraulikzylinder der gleichen Bauform ausgeführt. Das sorgt für ein schlankes Ersatzteillager und erleichtert dem Servicepersonal den Alltag, da man kein Fachwissen über diverse Zylindertypen parat haben muss.

„Von den Testkunden aus Thüringen und Spanien haben wir nach mehreren Hundert Räumstunden zu 99 Prozent positive Resonanz erhalten. Das spricht sich offenbar herum, sodass wir den Pflug bereits bei weiteren Interessenten vorstellen durften“, berichtet Gajda. Die Serienfertigung startet diesen Sommer, womit der neue Pflug zur kommenden Wintersaison bereits parat steht und bestellt werden kann.

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