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PORTRÄT FRÄNKISCHES SEENLAND Wasserspeicher für den Norden Bayerns

Das Fränkische Seenland dient drei kommunalen Zwecken: das trockene Nordbayern mit Wasser aus dem Süden zu versorgen, regional Hochwasser abzupuffern sowie als touristische Attraktion. Durch den Klimawandel und sich verändernde Urlaubs- und Freizeitansprüche müssen sich die Verantwortlichen dort neuen Herausforderungen stellen.

Lesedauer: min | Bildquelle: TV Fränkisches Seenland/multimaps360°; Floating Village / Eco Lodges; Wasserwirtschaftsamt Ansbach; TV Fränkisches Seenland/Jens Wegener; TV Fränkisches Seenland/Wakepark Brombachsee; Wasserwirtschaftsamt Ansbach
Von: Tobias Meyer

Nicht selten gibt es von einem Gut an einem Ort zu viel, woanders wird es jedoch dringend benötigt. So auch hält es sich auch mit dem Wasser im nordbayerischen Franken: Die Altmühl trat im vergangenen Winter oft über die Ufer und sorgte für Überschwemmungen in den Dörfern. Parallel herrschte in anderen Flüssen – wie etwa Regnitz und Main – in den Regionen Nürnberg und Würzburg immer wieder Niedrigwasser. Getrennt sind die Flusssysteme durch die Europäische Hauptwasserscheide. Alles nördlich davon fließt in die Nordsee, alle südlich gelegenen deutschen Gewässer gelangen irgendwann über die Donau ins Schwarze Meer. Um diese Hürde zu überwinden, wurde ein technisches Wasser-Management in Form mehrerer künstlicher Seen sowie des Main-Donau-Kanals realisiert. Hierfür wurde mit dem Talsperren-Neubauamt Nürnberg extra eine neue Behörde geschaffen. Allein für die Brombach-Hauptsperre bei Pleinfeld wurden ab 1986 vier Mio. m3 Sandstein- und Tonmaterial zu einem 40 Meter hohen und 1,7 km langen Damm aufgeschüttet. Insgesamt investierte der Freistaat rund 460 Millionen Euro, womit die Überleitung Bayerns größtes abgeschlossenes wasserbauliches Projekt ist.

Altmühl überschwemmt lediglich Agrarflächen und Auen

Steigt der Pegel in der Altmühl, fließt das überschüssige Wasser nun durch einen künstlichen Überleiter in den extra dafür angelegten, 4,5 km² großen Altmühlsee. In einem fast drei km langen Stollen unterfließt das Wasser von dort die Hauptwasserscheide und gelangt schließlich in den Brombachsee. Dessen Pegel kann wiederum um bis zu sieben Meter variieren. So bleibt die Altmühl größtenteils in ihrem Bett und überschwemmt lediglich Agrarflächen und Auen, was sogar gewünscht ist. Im trockenen Sommer unterstützen die Seen dann kontrolliert die nördlichen Flüsse Regnitz und Main mit bis zu 25 Mio. m3 Wasser. Die Donau spendet zudem über den Main-Donau-Kanal und den ebenfalls als Pufferspeicher angelegten Rothsee weitere 125 Mio m3 aus dem nasseren Süden (mehr Niederschlag und Alpenschmelzwasser).

Wie drastisch sich die Lage dabei entwickeln kann, verdeutlichte sich im Jahr 2018, das mit einem großen Hochwasser begann. Dabei wurden zahlreiche Straßen überschwemmt. Dafür aber füllte sich der Wasserspeicher des Seenlandes – was im sehr trockenen Sommer dann dringend in der nördlichen Region gebraucht wurde. Das Wasserwirtschaftsamt Ansbach ging dafür bis auf etwa zwei Meter an die Mindest-Stauhöhe des Großen Brombachsees heran, die maximal möglichen elf m3 flossen jede Sekunde vom See in die Flüsse. Zuvor war dies letztmalig 1999 nötig gewesen.

2023 spitzte sich die Lage weiter zu: Im März waren die Wiesen rund um Gunzenhausen erstmals zu dieser Jahreszeit nicht überschwemmt, weshalb sich die Landwirte um ihre Erträge sorgten. Bereits im Jahr zuvor musste der dortige Bauhof aufgrund des Wassermangels zu unkonventionellen Maßnahmen greifen und das Wasser eines geschlossenen Hallenbades zum Gießen der städtischen Flora nutzen. Bis dato hatte man die Tanks der Gießlaster via Kläranlage mit oberflächennahem Uferfiltrat der Altmühl befüllt, die dafür aber dann zu wenig Wasser bot. Auch der Brombachsee als Hauptspeicher blieb etwa drei Meter unter seinem Stauziel – in den Vorjahren brachte man den See dagegen immer voll.


Ökologie mitberücksichtigt

Beim Bau der Seen und bei der Umgestaltung der Flüsse standen die wasserwirtschaftlichen Gesichtspunkte im Vordergrund. Besondere Aufmerksamkeit wurde aber auch den Belangen des Landschafts- und Naturschutzes gewidmet. So entstand u.a. im Altmühlsee ein Naturschutzgebiet von circa 200 Hektar Größe, dessen Kern eine 125 Hektar große Flachwasser- und Inselzone bildet. Mehr als 200 verschiedene Vogelarten sind auf der Vogelinsel zu Hause. Besonders bedrohte Vogelarten wie Bekassine und Großer Brachvogel finden dort Rückzugsmöglichkeiten. Für den Seeadler ist sie ein gutes Jagdrevier. Das Fränkische Seenland umfasst acht Naturschutzgebiete und nach eigenen Angaben über 700 Hektar ökologisch wertvolle Flächen.

Tourismus und Naherholung im Wandel

Der Freistaat Bayern hat bereits beim Bau der Seen mit ihren zusammen rund 20 km2 großen Wasserfläche eine touristische Grundausstattung geschaffen. Alle Wasser- und Uferflächen sind in öffentlichem Eigentum. Eigens gegründete Zweckverbände – Mitglieder sind vor allem die anliegenden Kommunen und Landkreise – haben in den als Seezentren bezeichneten Ortschaften zusätzliche Anlagen für Freizeit und Erholung erstellt und betreiben diese. So entstand beispielsweise in Ramsberg Deutschlands größter Binnensegelhafen mit 600 Wasser- und 150 Landliegeplätzen. Da der Segelsport aber nicht die erhoffte Auslastung brachte, entstanden dort in Form von Hausbooten auch 19 Ferienwohnungen auf dem Wasser: Die Eigentümer können diese sieben Wochen pro Jahr selbst nutzen, für die restliche Zeit müssen sie vermietet werden. Außerhalb der Seezentren ist das Wasserwirtschaftsamt für den Unterhalt zuständig, die Grenzen sind auf den Meter genau definiert. Rund 80 km Betriebswege sind für Fußgänger und Radfahrer freigegeben.

„Am großen Brombachsee und am Rothsee müssen wir uns natürlich mit der Problematik der um bis zu sieben Meter schwankenden Wasserstände auseinandersetzen. Dafür müssen alle Hafen- und Steganlagen schwimmend konstruiert sein. Daher gibt es etwa bei den Zugängen zu den Ausflugsschiffen zeitweise auch größere Höhenunterschiede, was hinsichtlich der Barrierefreiheit problematisch ist“, erklärt Hans-Dieter Niederprüm, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Fränkisches Seenland. Eine weitere Herausforderung ist die Müllentsorgung, 2022 fielen am Brombachsee etwa 140 Tonnen an. Unkonventionelle Lösung: Rund um den See wurden alle Mülleimer entfernt. Die Devise lautet nun: Jeder Besucher nimmt seinen Müll selbst mit.

Bisher setzte man auf eher kleinteiligen Tourismus, sprich Ferienwohnungen, Gasthäuser und Campingplätze. 2020 wurde dann bekannt, dass der Center-Parks-Konzern eine Anlage mit 800 Häusern am See plant. Gebaut werden sollte diese auf einem rund 160 Hektar großen ehemaligen Militärgelände, das aufgrund von Rüstungsaltlasten im Boden erst nach aufwendigen Sanierungen nutzbar gewesen wäre. Befürworter sahen eine weitere wirtschaftliche Aufwertung der Region. Die Bürger der betroffenen Gemeinde Pfofeld befürchteten durch die zusätzlichen eine Million Übernachtungen – was die jährlichen Zahlen auf einen Schlag fast verdoppelt hätte – jedoch eine touristische Überlastung hinsichtlich Ressourcen wie Grundwasser und Infrastruktur. Außerdem hat sich durch die Einzäunung des regional als „Muna“ bezeichneten Geländes dort ein natürlicher Wald mit abwechslungsreicher Flora und Fauna entwickelt, den Naturschützer erhalten wollten. Ein Bürgerentscheid im Jahr 2021 beerdigte das Projekt schließlich. Ein deutliches Zeichen, in welche Richtung die touristische Entwicklung nach Ansicht der Anwohner gehen sollte.

Den in entsprechenden Diskussionen oft angeführten „sanften Tourismus“ gebe es nach Hans-Dieter Niederprüms Ansicht dort aber nicht: „Tourismus kann nicht sanft sein, er wird immer Ressourcen verbrauchen.“ Denn rein ökologische Ansätze ließen sich mit den primär zum Wassermanagement gestalteten künstlichen Seen nicht vereinbaren. „Wir setzen daher verstärkt auf eine nachhaltige Ausrichtung, die Naturschutz, Wirtschaftlichkeit und Soziales gleichermaßen berücksichtigt.“ Die 2022 veröffentlichte Tourismusstrategie für die nächsten zehn Jahre stützt sich ebenfalls auf diese drei Säulen und unterscheidet sich damit deutlich vom Leitbildprozess Anfang der 2010er-Jahre: „Seitdem befindet sich die Welt und damit auch das Fränkische Seenland im Wandel. In einer dynamischen Branche wie dem Tourismus ist es daher notwendig, die Strategien und Visionen in der Tourismusarbeit immer wieder auf den Prüfstand zu stellen und an die Entwicklungen anzupassen.“

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Technik im Wasser

Durch die Hochwasser-Einleitung gelangen jährlich Tausende m3 Sediment in den Altmühlsee. Um eine Verlandung zu verhindern und die Wasserqualität zu verbessern, werden die Ablagerungen bereits seit 2015 regelmäßig entnommen, so auch 2024. Dabei kommen unterschiedliche Saugbaggerverfahren zum Einsatz, je nach Dicke der Schicht. Am Badestrand Wald liegen bis 60 cm vor, in der Auslauftulpe sind es bis zu 1,6 m. Vom Wasserwirtschaftsamt wird hierzu ein Gerät der Firma Schlammsaug eingesetzt. Dieses funktioniert wie eine Kehrbürste, die die Ablagerungen vom Seegrund löst und absaugt. Das Sediment-Wasser-Gemisch wird über eine schwimmende Transportleitung zu den beiden Absetzbecken gepumpt. Anschließend entwässern die Sedimente mehrere Monate. Nach der Getreideernte im Juli/August werden sie von Landwirten auf umliegende Ackerflächen ausgebracht.

Um die Badezonen möglichst angenehm zu gestalten, werden dort außerdem die Wasserpflanzen abgemäht. Seit 2021 liegt dafür ein eigenes Boot am Kai. Zuvor lieh man sich das Mähboot des Wasserwirtschaftsamtes Nürnberg, was dann immer aufwendig mittels Autokran und Tieflader transportiert wurde. Das vermehrte Wachstum der Wasserpflanzen in Verbindung mit einem steigenden Gästeaufkommen im Fränkischen Seenland erforderte die Anschaffung eines zusätzlichen Mähbootes. Mit dieser Investition in Höhe von 350.000 Euro kommt der Freistaat auch seiner Verkehrssicherungspflicht für die Seen nach. Per Balkenmesser schneidet das Boot die Pflanzen, die dann über ein Förderband in den Rumpf gelangen, der bis zu fünf m3 fasst. Bei Bedarf soll das fast zehn Tonnen schwere Fahrzeug vor allem in den Morgenstunden arbeiten und so jährlich etwa 300 m3 Wasserpflanzen mähen. Hersteller Berky konstruiert es extra für die Bedürfnisse im Fränkischen Seenland, es kann amphibisch auf Ketten auch über Land fahren und daher ohne großen Aufwand von See zu See wechseln.

Außerhalb der Badebereiche bleiben die Wasserpflanzen erhalten. Denn laut Wasserwirtschaftsamt sei das vermehrte Aufkommen von Wasserpflanzen zu begrüßen, sind diese doch ein wichtiger Lebensraum. Die Pflanzen nehmen zudem Nährstoffe aus dem Wasser und den Sedimenten auf und stehen daher mit Mikroalgen in Konkurrenz. Sie können so einem starken Algenwachstum entgegenwirken, was für klares Wasser sorgt. In den fränkischen Seen sei in den vergangenen Jahren ein vermehrtes Pflanzenwachstum zu beobachten, die längeren und heißeren Trockenperioden trugen hierzu wohl auch bei.

Eines der Ziele, das Politiker in den 1970er-Jahren bei der Planung des Seenlandes ebenfalls mit einkalkulierten, war die Verdünnung des stark verschmutzen Abwassers der Großstadt Nürnberg in den dortigen Flüssen. Inzwischen hat sich die Klärtechnik dort aber deutlich verbessert: Daher könnten die Kapazitäten des Systems laut Wasserwirtschaftsamt jetzt dazu verwendet werden, um die Folgen des Klimawandels abzufedern – wenn die Überschüsse aus anderen Regionen dafür weiterhin ausreichen.

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