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Nachgehakt bei Brigade: Ein Visionär rettet Menschenleben – mithilfe von Fahrzeugsicherheitssystemen

Als das englische Unternehmen vor nicht ganz 45 Jahren gegründet wurde, interessierte sich in Europa niemand für Rückfahrwarner. Dagegen sind die ausgeklügelten Assistenz- und Kamerasysteme in kommunalen Nutzfahrzeugen heute kaum noch wegzudenken.

Von: Jessica Gsell

Wer kennt ihn nicht: den unverkennbaren Piepton in Lkw und anderen Nutzfahrzeugen beim Rückwärtsfahren. Es lässt sich heute kaum noch in Zahlen fassen, wie viele Menschenleben durch solche Rückfahrwarner bereits gerettet wurden. Dabei war es genau ein solcher Piepton, der in Chris Hanson-Abbott, Gründer von Brigade Electronics mit Hauptsitz in Darenth, im Südosten Englands, vor knapp 45 Jahren die Idee wachsen ließ, mithilfe eines Rückfahrwarners auch die Menschen in Großbritannien und im Rest von Europa zu schützen. Hanson-Abbott wurden im Laufe der Jahre unzählige Steine in den Weg gelegt. Doch er machte unermüdlich weiter. Mit Erfolg: Heute zählt Brigade zu den führenden Anbietern von Fahrzeugsicherheitssystemen. Grund genug, um mit Carsten Grosche (53), National Accounts Manager Deutschland, über die Bedeutung von Sicherheit, die Gefahrenpotentiale im Kommunalbereich und die Vorreiterstellung des BBS-Rückfahrwarners zu sprechen – aber auch darüber, was Kunden noch alles von Brigade erwarten können.

Herr Grosche, Brigade Electronics blickt auf eine nicht ganz einfache Geschichte zurück?

Die Firma Brigade Electronics gibt es seit 1976, die GmbH wurde dagegen erst 2002 gegründet. Gründer Chris Hanson-Abbott wurde in einem Hafen in Japan das erste Mal auf einen Rückfahralarm aufmerksam. Damals war die Sicherheit beim Rückwärtsfahren außerhalb von Japan noch kein Thema. Er erkannte jedoch einen Bedarf für den europäischen Markt und setzte es sich fortan zum Ziel, diesen Alarm auch in seiner Heimat England bekannt zu machen. So stellte Brigade mit Unterstützung der Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT) auf der Londoner Nutzfahrzeugmesse 1976 seinen ersten Rückfahrwarner vor. Die Reaktionen der Fahrzeughersteller und Fuhrparkverwalter fielen allerdings wenig begeistert aus. Zu allem Überfluss gab das Verkehrsministerium bekannt, dass Rückfahrwarner gegen die Vorschriften verstießen und somit illegal seien. Doch Hanson-Abbott ließ sich davon nicht beirren und setzte seine Arbeit für mehr Sicherheit auf der Straße und am Arbeitsplatz weiter fort. Dank seiner unermüdlichen Energie und Überzeugungskraft wurden seine Visionen auch allmählich in Regierungskreisen ernst genommen. Allerdings dauerte es noch weitere zwei Jahre, bis Brigade seinen ersten Rückfahrwarner an ein renommiertes britisches Busunternehmen verkaufen konnte. Und auch danach brauchte es noch einiges an Zeit, bis sich die Sicherheitskultur vollständig gewandelt hatte. Heute sind Systeme für Fahrzeugsicherheit zum Glück als unverzichtbare Ausrüstung für Nutzfahrzeuge und Baumaschinen anerkannt. Die lange Odyssee von Hanson-Abbott hat im Nachhinein betrachtet aber auch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Dank der seit diesen ersten Jahren gewonnenen Erfahrungen und Kenntnisse profitiert Brigade heute von einem unübertroffenen Wissen über die Branche sowie über die Probleme der Kunden.

Wieso ist Ihnen das Thema Sicherheit so wichtig?

Wenn man sich so lange ausschließlich mit Fahrzeugsicherheitssystemen beschäftigt gehört das Quasi zur DNA. Oder wie unser Gründer Chris Hanson-Abbott sagt: „We are in the business of saving lives“. (Zu Deutsch: „Unser Geschäft ist die Lebensrettung.“) Denn Systeme für Fahrzeugsicherheit, wie Brigade sie entwickelt, sind ein Fortschritt, der zweifellos bereits zahlreiche Menschenleben gerettet hat. Die Lösungen von Brigade verringern das Kollisionsrisiko und schützen schwächere Straßenverkehrsteilnehmer durch die Vermeidung von toten Winkeln am Fahrzeug. Außerdem unterstützen sie den Fahrer beim sicheren Rangieren. Deshalb zählen zu unserem Produktsortiment 360°-Kamerasysteme, Kameras, Monitore, White-Sound®-Rückfahrwarner, Abstandswarnsensoren, Radarabstandswarnsysteme und Digitalrekorder.

Was zeichnet die Produkte von Brigade, neben der langjährigen Erfahrung, die in ihnen steckt, aus?

Auf jeden Fall der hohe Qualitätsstandard durch umfangreiche Tests und das hohe Serviceniveau. Denn ohne unsere hochwertigen und zuverlässigen Produkte wäre Brigade nicht das Unternehmen, das es heute ist. In puncto Sicherheit gehen wir auch hier wieder einen Schritt weiter: Unsere Produkte kommen erst auf den Markt, wenn wir sicher sind, dass sie ihrem Zweck vollständig gerecht werden. Dieser Grundsatz wird bei all der verlockenden neuen Technologien gerne vergessen – aber nicht bei Brigade. Bevor wir ein Produkt oder eine Technik in unser Sortiment aufnehmen, müssen umfassende strenge Prüfungen bestanden werden. Dazu gehört ein sorgfältig kontrollierter Konstruktions- und Produktionsprozess, begleitet von interner Forschung und Entwicklung. Das alles wird von einem kompetenten Ingenieurteam geleitet, was uns von der Konkurrenz unterscheidet. Dieses Team sorgt schließlich dafür, dass unsere Produkte von gleichbleibend hoher Qualität sind.

Was genau umfasst diese strengen Prüfungen?

Geprüft wird unter anderem, ob die Produkte den relevanten internationalen und europäischen Normen entsprechen. Zudem führen wir Prüfungen auf Umweltbedingungen und Lebenszyklustests durch. Unsere Produkte werden auch hinsichtlich ihrer Resistenz beispielsweise gegenüber Temperaturen, Vibrationen, Stößen oder Feuchtigkeit getestet. Darüber hinaus gibt es eigene Qualitätskontrollen in den Herstellerwerken und Stichprobenkontrollen beim Wareneingang.

Mit Blick auf die Geschichte von Brigade gibt es doch sicherlich Produkte, die Vorreiter auf dem Markt waren?

Ganz klar der bbs-tek®-Rückfahrwarner. Diese Multifrequenz-Rückfahrwarner nutzen ein breites Spektrum von Breitbandton-Frequenzen. Dadurch können Personen in der näheren Umgebung sofort lokalisieren, von wo der Ton kommt. Statt eines Pieptons erzeugt der bbs-tek®-Rückfahrwarner ein sanftes „Sch-sch“-Geräusch, was sich schnell verliert und nur im Gefahrenbereich zu hören ist. Auch Arbeiter mit Gehörschutz und schwerhörige Menschen können den Warner lokalisieren. Der bbs-tek®-Rückfahrwarner wurde zur bauma 2001 auf dem deutschen Markt eingeführt.

Und welches Produkt von Brigade kam zuletzt auf den Markt?

Da war die Querverkehrsbeobachtung. Um Unfälle bei der Verwendung eines Frontanbaugeräts oder beim Verlassen einer unübersichtlichen Straßeneinmündung, bei denen der Fahrer die Vorderseite seines Fahrzeugs nicht sehen kann, zu vermeiden, haben wir das Cross-Traffic-Camera-System entwickelt. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat in den veröffentlichten Leitfäden festgelegt, dass beim Mitführen eines Frontanbaugerätes oder bei bauartbedingter Überschreitung eines Maßes von 3,5 m von der Mitte des Lenkrads bis zur Vorderkante des Anbaugeräts oder zum vorderen Fahrzeugende ein technisches Hilfsmittel erforderlich ist. Das Cross-Traffic-Camera-System besteht aus einem Kameragehäuse, zwei Kameras sowie zwei Sieben-Zoll-Monitoren, auf welchen je ein Kamerabild dargestellt wird.

Wie wichtig ist für Brigade der Kommunalbereich? Bei welchen Arbeiten gibt es hier das meiste Gefahrenpotential? 

Der Kommunalbereich hat allein aus der Historie für Brigade eine große Bedeutung, da hier schon vor über 20 Jahren Kamera-Monitor-Systeme eingesetzt wurden. Vorreiter bei der Einführung dieser Systeme in den späten 90er Jahren waren die Bereiche Entsorgung und Winterdienst. Eine Gefahrensituation entsteht immer dann, wenn Mensch und Maschine im gleichen Umfeld aktiv sind. Bestes Beispiel sind hier sicherlich Entsorgungsfahrzeuge und die sie begleitenden Müllwerker.


Und welche Produkte sind bei kommunalen Dienstleistern besonders beliebt?

Da wir das Thema Fahrzeugsicherheit bearbeiten ist generell die gesamte Produktpalette von Interesse – angefangen bei den Kamera-Monitor-Systemen und Rückfahrwarnern über die Backsense®-Radarsensoren bis hin zu den Abbiegeassistenten. Aber Hervorzuheben sind hier sicherlich der BBS-Rückfahrwarner und die Kamerasysteme inklusive 360°. Letztere vermitteln dem Fahrer mit einem einzigen Bild in Echtzeit eine Rundumsicht des Fahrzeugs. Das System besteht aus vier Ultraweitwinkel-Kameras, die mit einem Blickwinkel von mehr als 180° jeweils eine gesamte Fahrzeugseite erfassen. Die Kameras werden kalibriert und vorne, seitlich und hinten an der Oberseite des Fahrzeugs montiert. Die vier Live-Bilder werden gleichzeitig an eine elektronische Steuereinheit (ECU) gesendet, die ein einziges klares und gleichmäßiges Echtzeit-Bild auf dem Monitor erzeugt.

Und für welche Einsatzbereiche sind Ihre Produkte überhaupt gedacht?

Unsere Produkte eignen sich für Fahrzeuge sowohl im Onroad-Bereich, wie beispielsweise auf Bauhöfen, Flughäfen und Hafengelände, als auch im Offroad-Bereich, wie z.B. in Steinbrüchen, auf Baustellen oder in der Landwirtschaft.

Wo auf der Welt kommen Ihre Produkte überall zum Einsatz?

Brigade-Produkte werden weltweit vertrieben, mit einem deutlichen Schwerpunkt in Europa. Die umsatzstärksten Länder sind hier UK, Deutschland und Frankreich.

Welches Ihrer Produkte ist bislang das am meisten verkaufte?

Unser meistverkauftes Produkt ist nicht überraschend die Rückfahrkamera BE-800C, die mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis und überragender Haltbarkeit punkten kann. Sie wird insbesondere sehr gerne im Winterdienst eingesetzt, da sie beheizt ist. Die BE-800C ist zudem mit fünf Infrarot-LEDs ausgestattet, die eine Reichweite von fünf Metern haben und für gute Sicht, auch bei schlechten Sichtverhältnissen, sorgen. Die Rückfahrkamera besitzt außerdem einen Tag-/Nachtsensor.

Lassen sich eigentlich alle Fahrzeuge und Fahrzeugtypen mit den Sicherheits- und Warnsystemen von Brigade aus- bzw. nachrüsten?

Prinzipiell lassen sich unsere Produkte an allen Nutzfahrzeugen montieren, egal ob Lkw, Transporter, Müllsammelfahrzeug, Baumaschine, Bus, Traktor oder auch Straßenkehrmaschine. Unsere Technik findet sich in den Nutzfahrzeugen namhafter Hersteller wie beispielsweise Faun Viatec, Bucher Municipal oder auch Aebi Schmidt.

Ihrer Homepage ist zu entnehmen, dass Brigade oftmals als Sprecher der Branche auftritt und als Berater für gesetzgebende und internationale Ausschüsse tätig ist. Mit welchem Thema haben Sie sich hierbei zuletzt beschäftigt?

Mit dem R 151 Abbiegeassistent, der ab 2022 für neu entwickelte Fahrzeuge und ab 2024 für alle Neufahrzeuge der Gewichtsklassen N2 und N3 verpflichtend sein wird. Die Norm UN ECE R151 stellt hier höhere Anforderungen als die zurzeit geltenden für Abbiegeassistenten zur Nachrüstung.

Apropos Anforderungen:Wie haben sich die der Kunden in den vergangenen Jahren verändert?

Unsere Produkte werden nicht mehr so viel nachgerüstet, sondern kommen schneller bereits in der Erstausrüstung von Fahrzeugen zum Einsatz. Außerdem ist das Produkt alleine für unsere Kunden nicht mehr so entscheidend – es ist vielmehr das Gesamtpaket, das stimmen muss. D.h. Dinge wie Logistik, Liefertreue oder Gewährleistungsabwicklung sind wichtiger geworden.

Da sehr viele Kunden auf die Produkte von Brigade setzen, scheint man mit Ihnen zufrieden zu sein?

Wir führen jährliche Kundenzufriedenheitsbefragungen durch, mit stets sehr positiven Ergebnissen, was uns natürlich sehr freut. Wir nehmen aber auch berechtigte Kundenbeschwerden in unserem Unternehmen sehr ernst. Beim nächsten Produkt-Update wird dieser Punkt dann bereinigt. Zum Beispiel wurde eine kleine ECU-Steuereinheit, für die eigentlich kein hoher IP-Grad, was den Schutz vor Wasser angeht, vorgesehen war aufgrund einer Beschwerde eines Fahrzeugbauers voll vergossen.

Dürfen Sie uns zum Ende hin noch verraten, an welcher Technologie Brigade derzeit forscht und auf welche Produkte sich Ihre Kunden in naher Zukunft freuen können?

Wir arbeiten zurzeit an einer reichweitengesteigerten Version unseres Radars. Mehr will ich dazu aber noch nicht sagen. Darüber hinaus sind die AHD-Versionen (analoges HD) unserer Backeye-Select- und Backeye-360°-Systeme im Zulauf. Es sind also viele interessante neue Produkte von Brigade zu erwarten, die uns beim weiteren Wachstum helfen werden. Doch jetzt müssen wir alle sicher erst einmal die Auswirkungen der Corona-Pandemie überwinden.

Fakten zur Brigade Elektronik GmbH

  • Anzahl der Mitarbeiter: 27
  • Geschäftsführer: John Osmant, Philip Hanson-Abbott
  • Sitz: Neumünster
  • Gründung: 2002

Bilder: Brigade Electronics GmbH

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