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Multifunktion oder Einzweck – die Qual der Fahrzeugwahl

Während zahlreiche Kommunen auf Geräteträger mit verschiedensten Anbaugeräten setzen, verwenden andere dagegen Einzweckmaschinen

Von: Michael Loskarn

Multifunktionale Maschine versus Einzweckfahrzeug: Die Ultima Ratio gibt es wohl nicht. Vielmehr wächst sich die Entscheidung in Expertenkreisen schier zur Glaubensfrage aus. Vertraut man Marketing-Strategen, so geraten Multifunktionsfahrzeuge gar zur kommunalen eierlegenden Wollmilchsau. Allein, Vertrauen und Glauben scheinen nicht die Berater von Bauhof-Leitern und kommunalen Entscheidern zu sein, wenn es um den geeigneten Fahrzeugeinsatz geht. Was zählt, sind Fakten, blanke Leistungsdaten und die situationsbedingt beste Lösung für die jeweilige Aufgabenstellung. Auch Gegebenheiten vor Ort spielen laut Aussagen der Bauhof-Chefs eine gewichtige Rolle: Ist ein Mechaniker im Team? Oder, ist das Multifunktionsgerät dem anfallenden Leistungs- und Arbeitsumfang letztlich gewachsen? Wie hoch sind die Umrüstzeiten? Lohnt sich eine Umrüstung überhaupt? Und, wie sieht es mit den Kosten aus, die oftmals weit über den Anschaffungspreis hinausgehen und die unter anderen auch Wartungs-, Reparatur- und Energiekosten umfassen. Kurzum: Beide Maschinentypen haben zwar ihre Daseinsberechtigung. Welches Fahrzeug letztlich zum Einsatz kommt, ist jedoch in der Regel immer eine gut abgewogene Einzelfallentscheidung.

Hartmann: „Eine funktionierende Allzweckwaffe fehlt“

Jens Hartmann fällt diese Entscheidung leicht. Der Abteilungsleiter beim Bauhof Pforzheim setzt klar auf Einzweckmaschinen. „Kombigeräte sind für kleine Bauhöfe o.k.“, ist sich der Goldstädter sicher, und schiebt nach: „Bis zu 500 Betriebsstunden im Jahr macht das noch Sinn.“ Dagegen seien bei „Vollnutzung“ jenseits der 500 Betriebsstunden Multifunktionsmaschinen eindeutig überfordert. Außerdem fielen die Anschaffungs- und Folgekosten der Alleskönner oft zu hoch aus. Und, „die Geräte sind zu anfällig“. Oftmals komme es seiner Erfahrung nach zu thermischen Problemen. Will heißen: „Die Hydraulik wird zu heiß.“ Bei entsprechenden Einsatzzeiten seien dagegen Einzweckfahrzeuge effektiver und kostengünstiger. Hartmann: „Eine Allzweckwaffe, die wirklich funktioniert, fehlt auf dem Markt.“

„Wenig Multifunktionsgeräte“ hat auch der Bauhof Friedrichshafen im Einsatz. Für Manfred Heim, stellvertretender Abteilungsleiter des Baubetriebsamtes, stellt sich vielmehr die Frage, was die Kommune zu investieren in der Lage ist. Schließlich summiere sich die Anschaffung vieler Anbaugeräte enorm. Selbst die Kärcher MC 40 werde im Hafen – wie die Einheimischen ihre Stadt liebevoll nennen – als reine Kehrmaschine eingesetzt: „Weil der Verschleiß bei den Umbauten einfach größer ist.“ Niemals würde Heim eine Kehrmaschine als Wechsellader einsetzen, weil es dann regelmäßig „zu Scherereien kommt“. Was ihm im Übrigen auch Kollegen von anderen Bauhöfen bestätigt hätten. Ein Einzweckgerät sei dagegen in Sachen Fahrsystem und Aufbau immer eine „ausgereifte Sache“. Außerdem, so gibt der Häfler zu bedenken, sollten Maschinen generell nie am Anschlag laufen, sondern vielmehr entsprechend dimensioniert sein. Beispielsweise verfüge sein einziges Multifunktionsgerät – ein Unimog U 530, der sowohl zum Mulchen als auch im Winterdienst eingesetzt wird – über genügend Reserven, um nicht ständig am Limit zu laufen.

„Wir haben 45 Mitarbeiter, da kommt Multifunktion sehr selten vor“
sagt Rafael Bidlingmaier, stellvertretender Bauhofleiter in Backnang.

Auch für Rafael Bidlingmaier, stellvertretender Bauhofleiter in Backnang, ist die Sache klar. Seiner Meinung nach komme es in erster Linie auf die Größe des Baubetriebshofes an. „Wir haben 45 Mitarbeiter, da kommt Multifunktion sehr selten vor.“ Hintergrund: Weil mehrere „Funktionen“ auf einmal anfielen, die natürlich auch von mehreren Kollegen zeitgleich erledigt werden müssen, machten Multifunktionsgeräte aus seiner Sicht wenig Sinn. „Dagegen sind diese Maschinen in einem kleinen Bauhof durchaus sinnvoll. Dort wird in der Regel eine Tätigkeit nach der anderen abgearbeitet.“ Für Bidlingmaier außerdem steht fest: Die Aufgabenstellung muss immer klar im Fokus stehen. Beispielsweise mache es aus seiner Sicht keinen Sinn, einen Radlader mit einer Arbeitsplattform auszustatten. Denn bei den unzähligen Laternen komme er mit einem Hubsteiger besser klar, und der Radlader könne als „reiner Radlader“ effektiver eingesetzt werden. Und: „Multifunktion kann nicht in einem Bereich ganz vorne mitspielen – das verbirgt sich ja schon im Namen.“

Diese Tendenz bestätigt selbst Reinhold Brehm, obwohl er im oberschwäbischen Flecken Schwendi zusammen mit acht Kollegen einen eher kleinen Bauhof umtreibt. Die von Multifunktionsgeräte-Herstellern angepriesene Einfachheit der Umrüstung und der tatsächliche Umbau vor Ort seien immer „zwei Paar Stiefel“. Etwa ein halber Arbeitstag gehe bei ordentlich realisierter Umrüstung drauf. Nur, wenn die Geräte noch neu und nicht verdreckt sowie die Hydraulikschläuche noch „top in Schuss“ seien, könne ein Umbau in den von Herstellern avisierten zwei Stunden über die Bühne gehen. Welcher Bauhofleiter außerdem in seinem jeweiligen Team nicht auf einen Schlosser oder Mechaniker zurückgreifen könne, der habe generell schon ein Problem. „Und, um ein Fahrzeug umzubauen, muss ich den Kollegen von einer anderen Arbeit, die erledigt werden sollte, abziehen. Das ist auch nicht sonderlich rentabel.“ Brehm wolle gar nicht umrechnen, wie viele Umrüststunden schon in den Multigeräteträger „reingehängt“ wurden – „da wird mir schlecht“.

Investitionsstau bereitet Bauhofleiter Sorgen

„Überhaupt keine Probleme“ bereitet dagegen die Umrüstung der Multifunktionsfahrzeuge den 20 Kollegen – darunter ein Schlosser – um Bauhofleiter Rainer Fuchs in Bad Ems. Wenngleich auch er einen halben Tag an Umrüstzeit als realistischen Mittelwert angibt. Vorteil für Fuchs: Aufgrund der verschiedenen Module könnten die Multi-Purpose-Fahrzeuge das ganze Jahr über in der 15.000-Einwohner-Stadt ausgelastet werden. Wichtig: Bei einer Neuanschaffung sei darauf zu achten, dass das komplette System entsprechend stimmig ausgelegt ist. Lediglich ein reinrassiges Einzweckfahrzeug verrichte im rheinland-pfälzischen Heilkurort seine Dienste, und zwar eine Kehrmaschine von Hako. Ansonsten gebe es ausnahmslos Multifunktionsmaschinen von Hansa, Holder, Kramer oder Unimog. Was jedoch Fuchs derzeit weit mehr auf den Nägeln brennt: „Wir haben im Bauhof einen Investitionsstau in Höhe von 600.000 Euro. Das bedeutet: weniger Maschinen, weniger Geräte als nötig und mehr Handarbeit. Unsere Handlungsfähigkeit ist wirklich eingeschränkt.“

Auch Bauhofleiter Alexander Bretschneider aus Diedorf bei Augsburg stuft Multifunktionsmaschinen als sinnvoll ein – insbesondere für „alle Institutionen, die ein sehr breites Spektrum an Aufgaben zu erfüllen haben“. Gerade Bauhöfe, die viele Aufgaben mit einem Gerät bzw. Fahrzeug erledigen müssten, wie beispielsweise Winterdienst, Sommerdienst oder Erhaltungsmaßnahmen, profitierten davon. Die Tendenz zum Einzweckfahrzeug sieht Bretschneider dagegen eher bei „Firmen, die sich spezialisiert haben bzw. sich mehr spezialisieren können und hauptsächlich gleiche Tätigkeiten haben“. Zudem sei diese Tätigkeit dann oft die Hauptaufgabe. Es handle sich dann um „Arbeiten mit Einzelfunktionen wie z.B. Kehrmaschine oder Mähgerät“. Als begrenzenden Faktor in Sachen Multifunktion führt er die Wirtschaftlichkeit an: „Also, wie viel Geld steht zur Verfügung, kann ich ein gesondertes Gerät kaufen oder nicht, welche Auslastung haben dann die Geräte im Jahresablauf in Hinblick auf Betriebsstunden, Gesamtstunden etc.“ Hinzu komme, dass Geräte die „häufig oder ständig in Dauerlast gefahren werden“, in der Regel sehr hohe Folgekosten produzierten. Ziel müsse es deshalb sein, „eine gute Ausstattung und Motorisierung zu bekommen“ – auch in Hinblick auf den Wiederverkaufswert.

Total Cost of Ownership nicht aus Augen verlieren

Die „schwierige Frage“, für welchen Anwender Multifunktionsgeräte Sinn machen, treibt Michael Häusermann, Vorstand Sondergeschäftseinheiten bei der Alfred KärcherSE & Co. KG „seit Jahren“ um. Ein wichtiger Punkt sei die Anwendung per se, so der Schweizer, der nicht zuletzt in den Reihen des Milliarden-Konzerns als Kommunalbranchen-Experte gilt. Beispielsweise mache in Berlin der Einsatz einer Einzweckkehrmaschine aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit viel mehr Sinn als ein „Multi-Purpose-Gerät“. Denn: „Dort gibt es kaum einen Winter.“ Und weiter: „Fairerweise muss man auch sagen, dass die Leistung von Einzweckfahrzeugen viel besser ist als jene von Kombimaschinen.“ Für kleinere Gemeinden mit „ein bis zwei Kehrmaschinen oder ein bis zwei Mähern“ lohne sich auch die Umrüstung. Wichtig sei dabei jedoch, nicht die Total Cost of Ownership (TCO) aus den Augen zu verlieren (Anm. d. Red.: Bei der TCO-Methode werden bei Investitionsgütern nicht nur die Anschaffungskosten betrachtet, sondern auch alle Aspekte der späteren Nutzung wie Energiekosten, Reparatur und Wartung). Als begrenzende Faktoren in Hinblick auf Multifunktionsgeräte führt der Manager sowohl räumliche Gegebenheiten als auch Flächengrößen oder zu erbringende Einsatzstunden – und damit verbundene Maschinen- oder Hydraulikleistungen – an. Beispielsweise sei in einem ausgewiesenen Wintersportort eben nur der Einsatz einer Einzweckmaschine mit leistungsstarker Schneefrässchleuder sinnvoll. „Außerdem ist natürlich auch das Umbauen immer ein Thema.“ Falle der Zeitaufwand zu hoch aus, oder stehe kein Mechaniker zur Verfügung, gerate das Multi-System schnell an seine Grenzen.

„Die größten Grenzen sehe ich bei Multifunktionsgeräteträgern darin begründet, dass sie eine eierlegende Wollmilchsau sein wollen“, sagt Sandro Bacher, Produktmanager Turf bei der Robert Aebi Landtechnik AG. Manche Ergebnisse fielen „mit Einzelfunktionsgeräten besser aus“ und könnten u.U. auch schneller erledigt werden. Dennoch stuft Bacher den Unterschied letztlich als „minimal“ ein. Wichtig sei beim Einsatz von Multifunktionsfahrzeugen immer die Tatsache, „ein optimales Anbaugerät, das im Idealfall mit dem Hersteller des Geräteträgers zusammen entwickelt wurde oder zumindest in Zusammenarbeit mit dem Hersteller an das Trägerfahrzeug angepasst wurde“, zu verwenden. Klarer Vorteil aus Sicht des Schweizers: „In der Regel entspricht der Lebenszyklus eines Anbaugerätes nicht dem des Geräteträgers.“ Deshalb sei es möglich, Anbaugeräte frühzeitig zu ersetzen oder aber auch auf ein neues Fahrzeug zu übertragen. Ein „optimalerer Beschaffungszyklus“ könne so realisiert werden.

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