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Mit neuer Streutechnologie und Straßensensoren dem Wetter ein Schnippchen schlagen

Wie sieht ein intelligenter Winterdienst aus? Was ist die richtige Ausstattung für Räumfahrzeuge? Antworten gibt es im Seminar „Erfahrungsaustausch Winterdienst“.

Von: Jessica Gsell

Bei den derzeit herrschenden sommerlichen Temperaturen denkt wohl kaum jemand an die kalte Jahreszeit. Aber wie heißt es so schön: Der nächste Winter kommt bestimmt – und das mitunter schneller als man denkt. Das wissen auch die Akademie für Kommunalfahrzeugtechnik sowie der Verband der Arbeitsgeräte- und Kommunalfahrzeug-Industrie e.V. (VAK) und veranstalten deshalb regelmäßig in der warmen Jahreszeit das Seminar „Erfahrungsaustausch Winterdienst“. Diesmal erhielten die Teilnehmer – unter ihnen Mitarbeiter von Baubetriebshöfen, Straßenreinigungen, Entsorgungs- und Servicebetrieben sowie der Abfallwirtschaft – neben den neuesten Erkenntnissen aus dem Bereich der Feuchtsalz- und Flüssigkeitsstreuung (separater Bericht folgt), auch Einblicke in den vernetzten Winterdienst und in die wichtigsten Ausstattungskriterien eines Winterdienstfahrzeugs. Als Kooperationspartner gab sich in diesem Jahr auch Küpper-Weisser die Ehre. Geschäftsführer Paul Rosenstihl, der gleichzeitig als Vorsitzender der Arbeitsgruppe Winterdienstfahrzeuge/-Geräte beim VAK tätig ist, zeigte in seinem Vortrag nicht nur auf, wie ein intelligenter, wirtschaftlicher und umweltverträglicher Winterdienst aussehen kann. Er lud die Anwesenden auch zu einer Werksbesichtigung nach Bräunlingen ein. Wir haben das Seminar besucht und fassen im Folgenden einige wichtige Aspekte daraus zusammen.

1. Intelligent, wirtschaftlich, umweltverträglich – das alles kann Winterdienst sein

Wie schaffen Verantwortliche einen perfekten und optimierten Winterdienst? Indem sie Wetterereignisse zum richtigen Zeitpunkt erkennen und darauf rechtzeitig reagieren. Das ist laut Rosenstihl das A und O. „Damit wir dem Wetter ein Schnippchen schlagen“, meint der Geschäftsführer von Küpper-Weisser mit einem Schmunzler. Wichtig sei ein gutes Straßenzustandsmanagement (SCM), das vor allem durch frühzeitige und umfangreiche Messungen der winterlichen Bedingungen, die Einbeziehung von Wetterprognosen, eine intelligente Software, welche die Messergebnisse und Informationen zu einer Entscheidungsempfehlung generiert, und durch technisch hochwertige und dosiergenaue Maschinen für eine schnelle und nachhaltige Beseitigung der Glätte erreicht wird. Eine große Bedeutung spricht Rosenstihl den Messungen auf der Straße zu, die zum einen mit stationären Messgeräten, zum anderen aber auch während der Fahrt mit dem Winterdienstfahrzeug – mit Hilfe einer Infrarotkamera, die die Fahrbahntemperatur erfasst – durchgeführt werden können. „Das ist beinahe schon seit 30 Jahren ein etabliertes System, bei dem man bis zu 30 Prozent Salz einsparen kann“, erklärt Rosenstihl und beruft sich dabei auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien.

„Automatisiertes Streuen wird mit Sicherheit mehr und mehr kommen. Ich denke, dass wir bis in ca. drei, vier Jahren eine so hochgenaue Sensorik haben werden, mit der wir den Straßenzustand erkennen und automatisch die Streudichte einstellen können, sodass sich der Fahrer auf den Verkehr konzentrieren kann.“
(Paul Rosenstihl, Geschäftsführer Küpper-Weisser)

Bei den Wettermessstationen plädiert Küpper-Weissers Geschäftsführer für aktive Fahrbahnsensoren. Denn diese geben den Verantwortlichen eine Vorlaufzeit, um Salz auszubringen, bevor Frostgefahr besteht. Sein Fazit: „Aktive Sensoren sind den passiven weit überlegen.“ Denn bei Letzteren kann nur die Temperatur erfasst, nicht aber der Gefrierpunkt der Flüssigkeit erkannt werden. Geht es um präventive Winterdiensteinsätze, dann empfiehlt die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. (FGSV) das Sprühen mit FS 100, da hier ein Einsparungspotential an Salz von bis zu 50 Prozent möglich sei. Doch nicht bei jeder Witterungsbedingung ist die Verwendung von reiner Sole das ‚Gelbe vom Ei‘. So ist der Einsatz von FS 100 bei Raureif vorteilhaft, bei überfrierender Nässe macht es für einen effizienten Enteisungsprozess dagegen mehr Sinn, Feuchtsalz mit einem erhöhten Soleanteil (mehr als 30 Prozent) auszubringen und zwischen diesen Flächen zusätzlich reine Sole zu verteilen. Hat es der Winterdienst mit größeren Mengen an Eis, Schnee oder auch mit einem beginnenden Eisregen zu tun, müssen wiederum größere Streudichten – beispielsweise 30 bis 40 g/m2 – ausgebracht werden, weshalb hier statt FS 30 ein FS 15 ausreicht.

Arbeitserleichterung mit FS-Adaptiv®

Um den Winterdienstlern die Arbeit zu erleichtern, hat Küpper-Weisser das FS-Adaptiv® entwickelt. Dieses System, das mittlerweile über 20 Jahre alt ist, verändert automatisch den Soleanteil, angepasst an die Streudichte. „Ich denke, das FS-Adaptiv® passt genau in die Philosophie der modernen Streutechnologie: ein entsprechend der Situation angepasstes Streuen oder Sprühen“, so Rosenstihl. Da Winterdienstfahrzeuge nicht selten bis zu 15 Jahre im Einsatz sind, ist es Küpper-Weisser bei seinen Produkten zudem wichtig, dass die neuen Streusysteme in bestehende implementiert werden können. Die Idee des Unternehmens: In die vorhandene Streumaschine wird, anstelle eines Trockenstoffbehälters, ein zusätzlicher Solesack eingesetzt. „Innerhalb kürzester Zeit wird so aus einem Standardstreugerät ein reiner Flüssigenteiser“, erklärt Rosenstihl. Der flexible Flüssigkeitsbehälter mit der Bezeichnung FlexiWet® kann für Kontrollfahrten und präventive Einsätze im Streugerät bleiben. Bei heftigem Schneefall wird er dann in kürzester Zeit herausgeholt und das Gerät kann wieder als Feuchtsalzstreuer eingesetzt werden. Am Ende seines Vortrages wagte Rosenstihl noch einen Blick in die Zukunft: „Automatisiertes Streuen wird mit Sicherheit mehr und mehr kommen. Ich denke, dass wir bis in ca. drei, vier Jahren eine so hochgenaue Sensorik haben werden, mit der wir den Straßenzustand erkennen und automatisch die Streudichte einstellen können, sodass sich der Fahrer auf den Verkehr konzentrieren kann.“ Nach der Theorie konnten sich die Seminarteilnehmer bei einem Besuch der 16.000 m2 großen Produktionsstätte von Küpper-Weisser selbst ein Bild von deren Produkten machen. 1931 gründete Hubert Weisser das Unternehmen, 1953 stieg Willy Küpper in die Geschäftsleitung mit ein. Werden die unterschiedlichen Größen der Behälter sowie die Materialien, aus denen sie bestehen können, zusammengezählt, dann bietet Küpper-Weisser über 400 verschiedene Behältertypen für Winterdienststreuer an. Seit 2001 gehört das Unternehmen zur Boschung Gruppe. 

2. Vernetzter Winterdienst – das leistet das Straßenzustands- und Wetterinformationssystem SWIS

Und wo laufen sämtliche Daten über das Wetter und die Fahrbahntemperaturen, die für die Winterdienstverantwortlichen von Bedeutung sind, schließlich zusammen? Bei Boschung im Straßenzustands- und Wetterinformationssystem SWIS. „Wir detektieren den Zustand der Straße und melden die kritischen Zustände an denjenigen, der dafür verantwortlich ist. Dieser kann dann dafür sorgen, dass er rechtzeitig rausfährt und die Straße bedarfsgerecht behandelt“, erklärt Matthias Danisch, Geschäftsführer der Boschung Mecatronic GmbH, die innerhalb der Boschung Gruppe unter anderem auf Glatteis-Frühwarnsysteme und Management-Software spezialisiert ist. An diese Plattform angeschlossen sind unter anderen Verkehrsbeeinflussungsanlagen, ausgestattet mit Wetter- und Straßensensoren (VBA), wie sie sich hauptsächlich auf Autobahnen finden. Die Wetterinformationen sorgen auch dafür, dass die im Boden integrierten Taumittelsprühanlagen bei drohender Glätte vollautomatisch die Sole auf die Straße bringen. Diese Technik wird oftmals an Brücken, Steigungen und Hanglagen eingesetzt. „Oder auch an Stellen, wo der Verkehrsfluss einfach laufen muss“, berichtet Danisch.

„Der Schneepflug ist gegenüber früher viel anspruchsvoller geworden. Früher war das eine Schiene, die man einfach hingebaut hat. Heute ist der Schneepflug eine Räumeinheit, die mit ganz speziellen Features ausgestattet ist.“
(Sigurd Kohls, Aebi Schmidt)

Auch die Informationen der Wetterstationen sowie die Wetterprognosen des Deutschen Wetterdienstes, der MeteoGroup und der Wettermanufaktur fließen in das SWIS mit ein. Bei den Straßenwetterstationen wird zwischen Atmosphärischen bzw. Meteo-Sensoren und Bodensonden in der Fahrbahn unterschieden. Sie geben jeweils verschiedene Informationen, angefangen von der Lufttemperatur, über die Windgeschwindigkeit bis hin zur Fahrbahntemperatur weiter. Wollen sich die Verantwortlichen mit eigenen Augen ein Bild vom Zustand der Straßen machen, dann ist das mit Hilfe von Live-Aufnahmen problemlos möglich. „Auf diese Weise kann der Ablauf des Winterdienstes optimiert werden, indem unnötige Einsätze verhindert, Kontrollfahrten eingespart, aber gefährliche Straßensituationen auch frühzeitig erkannt werden“, fasst der Geschäftsführer der Boschung Mecatronic GmbH die Vorteile des Straßenzustands- und Wetterinformationssystems zusammen. Die Vermeidung sowie rasche Beseitigung von winterlicher Glätte sei hier das oberste Anliegen. Auch die Einsatzfahrten der Bauhöfe sowie Autobahn- und Straßenmeistereien fließen in den Informationspool mit ein, sofern die Winterdienstfahrzeuge mit Boden- oder Luftthermometern bestückt sind. Doch nicht nur für Wetterinformationen kann das SWIS genutzt werden: Das System ist, wie andere Telematiklösungen, beispielsweise ebenso für ein Fahrzeugmanagement geeignet.


3. Winterdienstgeräte & Fahrzeugausstattung – wichtige Überlegungen bei der Neuanschaffung

Was macht eigentlich ein gut ausgestattetes Winterdienstfahrzeug aus? So einiges, weiß Sigurd Kohls von Aebi Schmidt. Und sicher ist auch: Die Anforderungen an ein Winterdienstfahrzeug sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Bei einer neuen Maschinenbeschaffung sei es deshalb für den Fahrzeughersteller erst einmal wichtig zu wissen, welche Anforderungen die Gemeinde an das Fahrzeug stellt. „Wie viel Power brauche ich hinter dem Fahrzeug? Wie viel Tonnen muss es haben? Welche technische Ausklügelung muss am Fahrzeug vorhanden sein? Ist es ein Sonder- oder Universal-Fahrzeug? Welcher Fahrer kann die Maschine überhaupt fahren?“, zählt Kohls nur eine Handvoll der Fragen auf, die im Vorfeld beantwortet werden müssen. Da Winterdienstfahrzeug oftmals viele Jahre im Einsatz sind, sollte die Wahl bei einer Neuanschaffung gründlich durchdacht sein. Zunächst muss ein geeignetes Trägerfahrzeug definiert werden. Hierbei spielt vor allem das zukünftige Einsatzgebiet, beispielsweise auf Geh- und Radwegen, eine wichtige Rolle. Danach entscheidet sich nämlich unter anderem, was für einen Radstand das Fahrzeug haben darf oder auch welche Streu- und Schneepflugbreite. Steht das Trägerfahrzeug fest, muss als nächstes die Ausstattung abgestimmt werden. Ein besonderes Augenmerk liegt hier auf der Wahl der Hydraulikanlage sowie der Fahrzeugplatte. Auch was das Bedienpult angeht, muss genau überlegt werden.

Die vielfältige Welt der Schneepflüge

Genauso vielfältig wie die Ausstattungsmöglichkeiten der Winterdienstfahrzeuge ist auch die Palette an möglichen Anbaugeräten. Das zeigt sich schon beim Schneepflug. „Der Schneepflug ist gegenüber früher viel anspruchsvoller geworden. Früher war das eine Schiene, die man einfach hingebaut hat. Heute ist der Schneepflug eine Räumeinheit, die mit ganz speziellen Features ausgestattet ist“, berichtet Kohls. Da gibt es dann die Wahl zwischen ein- und mehrscharigen Formen – ganz zu schweigen von den verschiedenen Bautypen. „Der ‚Allerweltspflug‘ bei Aebi Schmidt ist der Cirron“, so Kohls. Bei diesem Gerät steht die Verschleißschiene in einem Winkel von 7°. Kommt ein Widerstand, hebt sich der Pflug relativ schnell an, geht über das Hindernis drüber und senkt sich danach wieder ab. „Wenn aber eine festgefahrene Schneespur oder Eis auf der Straße ist, bekommt man das mit diesem Schneepflug nur ein stückweit weg“, so Kohls. Mehr „Aggressivität“ legt dann der Schneepflug Typ Tarron von Aebi Schmidt an den Tag. „Der schält mit seinen 25° alles von der Oberfläche weg“, weiß Kohls. Zudem kann ein solcher Schneepflug mitunter auch mit 80 km/h auf der Fahrbahn bewegt werden. Ein weiterer Bautyp ist der Keilschneepflug: „Mit ihm kann ich große Schneemengen in der Keilstellung räumen, ich kann aber auch einen Parkplatz mit der V-Form leerräumen oder verschieben, oder ihn als Pflug nutzen, der nach links oder nach rechts räumt.“ Für Schnellfahrten, bei denen der Schnee mit großer Geschwindigkeit, aber geringem Strahl, nach außen geführt wird, eignet sich besonders der stabile Vario-Schneepflug. Und es geht noch eine Nummer größer, mit dem Autobahnschneepflug ML 51 A – einem Frontpflug mit einer Zusatzschar. Sind die Schneemassen schließlich so immens, dass der Schneepflug nicht mehr ausreicht, kommt ein weiteres Anbaugerät zum Einsatz: die Schneefräse. Hier unterscheiden Experten wiederum zwischen Schneefräsen und -schleudern. Während eine Schneefräse in der Lage ist, bei einem festgefrorenen Randwall, die im Schnee befindlichen Eisbrocken zu zerkleinern, bevor die ganze Masse in die Frästrommel und anschließend in den Auswurfkamin gebracht wird – was ein Verstopfen oder Beschädigen des Gerätes verhindert – transportiert dagegen eine Schneeschleuder über ihre Spirale die Schneemenge dosiert zum Auswurf. Die Schneeschleuder überzeugt dabei mit enormen Wurfweiten. Eine Kombination aus beidem findet sich unter anderem in der selbstfahrenden Schneefrässchleuder Schmidt Supra.

Bilder: Küpper-Weisser/Boschung/Aebi Schmidt/Bauhof-online.de

 

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