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Matev – findige Franken meistern Turnaround

Eine neue Marke zu etablieren, läuft heutzutage in einer gut funktionierenden Marketingabteilung unter „business as usual“. Ein über Jahrzehnte eingeführtes Unternehmen umzufirmieren und unter neuem Namen innerhalb von knapp zehn Jahren erfolgreich im Markt zu verankern, ist eine marketingtechnische Herkulesaufgabe. Der Matev GmbH aus Langenzenn ist dies gelungen.

Von: Michael Loskarn

Bereits 1885 legt ein findiger Hufschmied im „Nürnberger Knoblauchland“ den Grundstein der mehr als 100 Jahre später gegründeten Matev. Mitte der 1970er-Jahre heben die Brüder Fritz und Herbert Sperber die gleichnamige Maschinenbaufirma aus der Taufe. Im Gespräch mit den heutigen Geschäftsführern und Gesellschaftern, Georg Hemmerlein und Michael Volz, sowie mit Marketing-Chefin, Kristin Meinel, hat Bauhof-online.de erfahren, welche Höhen und Tiefen das Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten durchlebte, was den Matev-Spirit ausmacht, welche wirtschaftlichen Ziele erreicht wurden, bzw. wo das mittelfränkische Unternehmen seine Zukunft sieht.

Mutig sind sie, die Sperber-Brüder, als sie in den 1960er-Jahren – nach einem Besuch des amerikanischen Herstellers – drei Container voller John-Deere-Schmalspurtraktoren ins Frankenland beordern. Fritz und Herbert ist damals schon klar: In einer kleinteiligen Landwirtschaft gibt es für derlei Traktoren einen Markt. Schnell erkennen sie, diverse Anbaugeräte für diese Fahrzeuge steigern deren Nutzen und damit auch den Absatz. Da es weder in den USA noch in Europa zu jener Zeit Anbaugeräte für die Zugmaschinen mit schmaler Spurbreite gibt, mausert sich der Landmaschinenhandel zum Maschinenbauunternehmen und entwickelt sich prächtig. 1989 baut Sperber Maschinenbau gar in einem landwirtschaftlichen Kombinat in Ungarn eine Fertigung auf. Alles läuft wie von selbst, bis Anfang der 2000er-Jahre eine blanke Ernüchterung das Unternehmen erwischt: finanzielle Schieflage, ein Sanierungskonzept muss dringend her.

Banken fordern junges Management

Erstmals tritt Georg Hemmerlein auf den Plan. Der damalige Mitarbeiter einer Nürnberger Unternehmensberatung soll das angeschlagene Traditionsunternehmen aus der Krise führen. Anfangs war die Idee, die „Holding“ aufzuspalten und rentable Vertriebsgebiete sowie den Maschinenbau zu erhalten, Vermögenswerte – wie beispielsweise Grundstücke – wurden liquidiert. Klare Forderung der Banken: Über diese neuen Einheiten müsse ein junges Management implementiert werden. Wirtschaftsingenieur Hemmerlein nutzt die Gunst der Stunde und übernimmt zusammen mit Sperber-Urgestein Willi Dürschinger die Geschäftsführung der Maschinenbau GmbH. Bereits 2007 sind die Kernprozesse stabilisiert, ISO-Zertifizierungen erledigt und mit der Generalüberholung der Grasaufnahmegeräte neue Produkte erstellt. „Sperber Maschinenbau und nun dann Matev, war in diesem Bereich Markt- und Technologieführer“, schildert der Franke.

Mitten im „Übernahmegefecht“ sei auch eine Neugründung der Sperber Maschinebau notwendig geworden. Und, wie das Leben so spielt, sind die einfachen Dinge oftmals die besten: Auf dem Weg zum Notar fällt Dürschinger und Hemmerlein auf, dass noch ein Name für die neue Firma fehlt. Dürschinger schlägt vor, das Unternehmen nach den Tätigkeitsschwerpunkten – Maschinen, Technik und Verkauf – zu benennen: Die Matev GmbH ist geboren. Mit Guerilla-Marketing startet die Matev 2010 ihren markentechnischen Siegeszug. Willi das Schaf gerät zum allseits bekannten Firmen-Testimonial. Schließlich sei das Schaf das älteste Grasaufnahmegerät der Welt, so Hemmerlein. Und, „figurtechnisch“ ähnele es dem früheren Geschäftsführer Willi Dürschinger – daher auch der Vorname, ergänzt Michael Volz. Anfänglich in den eigenen Reihen noch kritisch hinterfragt, wächst sich auch Willi das Schaf zum Glücksgriff aus und wird zur „Identifikationsfigur“. „Heute wird Willi dem jeweiligen Motto unserer Firmenevents entsprechend gestaltet“, setzt Kristin Meinel noch einen drauf. Eine Après-Sheep-Party im Sommer spricht Bände.


Zehn Mio. Euro Umsatz bei kommunalen Anbaugeräten

Ganz diesem frechen Marketinggeist folgend, entwickeln sich auch die Geschäfte positiv: Inzwischen ist es dem Matev-Team gelungen, die Stückzahlen zu verdoppeln. Knapp 20 Mio. Euro setzten die rund 80 Mitarbeiter – inklusive der Kollegen in Ungarn und Tschechien – 2019 um. Allein zehn Mio. Euro trugen die kommunalen Anbaugräte zum Gruppenumsatz bei. Außerdem werde lediglich noch ein Nischenprodukt als Handelsware vertrieben, der Rest ist Eigenfertigung.

„Eigenfertigung war unser erklärtes Ziel, um über die Wertschöpfung letztlich höhere Erträge zu erzielen“, klärt Geschäftsführer Hemmerlein auf.

Als Dürschinger-Nachfolger verantwortet Michael Volz seit Januar 2014 Technik sowie Verkauf. Und, für die Matev typisch, wurde er bereits im Juni des Vorjahres auf der demopark – inklusive Feuerwerk – als neuer Geschäftsführer präsentiert. Obwohl er noch bei einem österreichischen Unternehmen in Lohn und Brot stand. Zwischenzeitlich hat er – ganz dem Technik-Claim „einfach genial – genial einfach“ entsprechend –, zusammen mit seinem Team dem Unternehmen seinen Stempel aufgedrückt. Immer unter der Prämisse: „Die umgesetzten Produkte müssen zum Markt passen.“ Bemerkenswert: Bei lediglich zwölf Monaten liegt im Durchschnitt die Entwicklungszeit von der Idee bis zur Serienreife. Rund fünf Prozent des Umsatzes wird in F&E reinvestiert.

Matev-Spirit leben

So konträr die Führungspersönlichkeiten Hemmerlein – der Stratege – und Volz – der Organisator und Macher – sein mögen, so komplementär fügt sich letztlich alles zusammen. In erster Linie, so sind sich beide einig, trage ein durch einen hohen Vertrauens- und Eigenverantwortungs- sowie Delegationsgrad geprägter Führungsstil zum Erfolg bei. Sowie, selbstredend, kreative, findige Mitarbeiter, die an einem Strang ziehen und den Matev-Spirit leben – geprägt von Begeisterungsfähigkeit, Identifikation mit dem Unternehmen und den Produkten sowie schierem Spaß an der Arbeit.

Mehr Spaß soll den Mitarbeitern aber auch den Kunden die neue „virtuelle Matev-Welt“ bereiten, die derzeit im Hintergrund peu à peu umgesetzt wird und die sich der Anbaugerätespezialist etwa 300.000 Euro kosten lässt. Weitaus weniger tief werden die Kunden dagegen für die neue Laubsagdüse, die im Laufe des Jahres präsentiert wird, in die Tasche greifen müssen. Ein weiteres neues Produkt betreffend, halten sich die Dame – respektive die Herren – äußerst bedeckt. Nur so viel sei verraten: Es handelt sich um integriertes Schlepper-Grünpflege-System. Um die Zukunft der Matev braucht sich also niemand zu sorgen. Gut, der „Außenauftritt darf durchaus erwachsener werden“, um es mit den Worten von Marketing-Chefin Meinel zu halten. Dennoch, wenn alles nur ansatzweise so „beispiellos glückt“, wie die Transformation von Sperber Maschinenbau zur Matev GmbH, dann meistern die Franken jegliche Herkulesaufgabe. 

Fotos: Michael Loskarn; Matev GmbH

 

Zur Person   

Georg Hemmerlein (46) ist seit 15 Jahren als Geschäftsführer und Gesellschafter für die Matev GmbH tätig. Für die Equma GmbH wirkt er ebenfalls als Geschäftsführer und Gesellschafter – dies bereits seit 18 Jahren. Von Mitte 2011 bis Ende 2016 zeichnete er als Geschäftsführer und Gesellschafter bei der Leuwico GmbH verantwortlich sowie von Januar 2006 bis August 2011 bei der F.G. Meier GmbH.

Seine berufliche Karriere begann der Diplom-Wirtschaftsingenieur als Projektmanager im Bereich Mergers & Acquisitions bei Rödl & Partner. Im Rahmen dieser Tätigkeit kam Hemmerlein Anfang der 2000er-Jahre als Sanierungsberater zur maroden Sperber Maschinenbau, wo er von Februar 2006 bis Dezember 2007 zusätzlich in der Sperber Verwaltungs GmbH tätig war. Außerdem fungierte er unter anderem als Beirat der Hammermühle GmbH, Vorstand und Aktionär der FirstDedicated - Data Communications AG sowie als Kaufmännischer Leiter und Gesellschafter der Server Service AG.

Hemmerlein wurde am 19. Dezember 1974 in Erlangen geboren und baute 1995 in Nürnberg sein Abitur. Nach Bundeswehr und Ausbildung zum Bürokaufmann studierte er an der TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen. Der Franke ist verheiratet. In seiner Freizeit spielt er Golf, betreibt Wintersport, geht Bergwandern oder Motorradfahren. Hemmerlein mag Kochen, Architektur, Musik, Lesen, Ehrlichkeit, Freiheit sowie unkomplizierte Zeitgenossen. Probleme bereiten ihm dagegen Zeitfresser, Übertreibungen, Lügen, Respektlosigkeit, Diktatur und Überwachung.

 

Zur Person  

Michael Volz (48) zeichnet seit 01. Januar 2014 bei der Matev GmbH für die Bereiche Verkauf und Technik als Geschäftsführer verantwortlich. Zuvor war er rund eineinhalb Jahre als Leiter Einkauf bei der österreichischen BHDT GmbH tätig. Darüber hinaus arbeitete er von November 2004 bis April 2012 als Leiter Verkauf bei der Walter Mauser GmbH.

Der Österreicher verfügt über umfassende Branchenkenntnisse und langjährige Management-Erfahrung. Volz wurde am 17. November 1972 in Bruck an der Mur, Steiermark, geboren. 1993 legte er seine Matura an der Höheren Technischen Lehranstalt mit dem Grad „Ingenieur für Elektrotechnik“ ab.

Volz ist verheiratet, mag Katzen, Willi das Schaf, Ehrlichkeit sowie Österreich und Deutschland. In seiner Freizeit fährt er Ski, Moutainbike und Motorrad. Probleme bereiten ihm Unehrlichkeit, Unzuverlässigkeit sowie Geschichtenerzähler.

 

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