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Keine perfekte Lösung: Alternativen zu Streusalz

Von: Tim Knott

Winter is coming. Was als Wahlspruch kurzlebiger Adelshäuser begann, könnte auch als passender Slogan für den kommunalen Winterdienst herhalten. In Zeiten des Klimawandels ist das Schneeaufkommen schwer vorhersagbar und mangelnde Vorbereitung kostet im schlimmsten Fall Menschenleben. Die Salzsilos sind daher schon früh gefüllt, die Streupläne von langer Hand geplant. Doch so effektiv die Ausbringung von Salz oder Salzsole auch ist, die Nachteile für die Umwelt sind gravierend. Deswegen wird in vielen Teilen Europas zu Alternativen gegriffen.

1,6 Millionen Tonnen: so viel Streusalz wird jeden Winter in Deutschland ausgebracht. Natrium-Chlorid-haltiges Steinsalz oder Salzsole haben sich bewährt, um Schnee und Eis effektiv zu entfernen. Doch der Preis dafür ist hoch, denn der Einsatz wirkt sich negativ auf die Pflanzenwelt aus. Zwar wird das Salz nur auf die Straße aufgebracht, durch vorbeifahrende Autos wird es jedoch aufgewirbelt und an den Fahrbahnrand geschleudert. Kommt der Rohstoff mit Pflanzen in Kontakt, verursacht er sogenannten „Salzstress“. Dieser beeinträchtigt das Wachstum und kann in Extremfällen auch zum Absterben führen.

„Das ständige Streuen ist eine schlimme Geschichte“ – Sebastian Schönauer, Sprecher des Arbeitskreises Wasser, BUND

Diese Beobachtung machten schon die Römer, die die Felder ihrer Feinde salzten, um Ackerbau unmöglich zu machen. Ganz so verheerend sind die Effekte von Streusalz zwar nicht, aber neben der Schädigung der Pflanzen am Straßenrand gibt es noch weitere ungünstige Eigenschaften, die zu einer Einschränkung des Einsatzes geführt haben. So lagert sich das Salz im Boden ab und wird selbst nach regenreichen Tagen nicht mehr ausgewaschen. Das belastet zum einen das Grundwasser, zum anderen wird die Stabilität des Bodens beeinträchtigt. „Das ständige Streuen ist eine schlimme Geschichte“, bestätigt auch Sebastian Schönauer, Sprecher des Arbeitskreises Wasser des BUND. Durch die Aufbringung von Streusalz riskierten Zuständige auch mehr Wildunfälle, da sich die Tiere dadurch vermehrt an Straßen aufhielten, um sich vom Salz zu ernähren. Doch nicht nur Erdreich und Tierwelt, auch Beton und Stein werden durch die Salzwassergischt nachhaltig geschädigt, da sich das Natrium-Chlorid darin ablagert und nur schwer entfernt werden kann. Aus diesen Gründen wurde der Einsatz von Streusalz in den vergangenen Jahren stark zurückgefahren. In einigen Städten kommt stattdessen der differenzierte Winterdienst zum Einsatz. Hierbei wird die Streusalzausbringung auf stark befahrene Straßen oder besondere Gefahrenstellen reduziert. Eine sinnvolle Maßnahme, bestätigt Schönauer. Durch die Klimaerwärmung falle sowieso weniger Schnee, und selbst im Alpengebiet gebe es viele Gemeinden, die komplett ohne Salz auskämen. Reduzierung sei deswegen geboten.


Andere Optionen – andere Nachteile

Neben dem Problemstoff stehen dem Winterdienst weitere Möglichkeiten zur Verfügung. Oft genutzt werden vor allem Sand, Splitt und Lavagranulat. Diese Rohstoffe ermöglichen für eine bessere Haftung auf vereisten Flächen. Zwar belasten sie die Umwelt nicht so gravierend, doch Nachteile gibt es auch hier. Während Streusalz sich witterungsbedingt auflöst, müssen die Alternativen nach Abtauen des Eises mühsam entfernt werden. Durch den Einsatz von Splitt besteht zusätzlich das Risiko, die Oberflächen der Straßen zu beschädigen. Außerdem muss es als Sondermüll entsorgt werden, was zusätzliche Kosten nach sich zieht. Parallel dazu entwickeln zahlreiche Hersteller künstliche, umweltfreundlichere Alternativen. Diese sind an den entsprechenden Umweltzeichen wie dem „Blauen Engel“ (Produkt ist frei von Salzen) und dem „Nordischen Schwan“ (Produkt ist umweltverträglich) erkennbar. So sei Bimsstein eine gute Option, um Splitt zu ersetzen, erklärt Tamara Wittstock, Produktmanagerin bei der RAW Handel- und Beratungs-GmbH. Beispielsweise setze das Unternehmen bei seinem Produkt „Ice Bear“ auf das Vulkangestein. Dabei handelt es sich um ein Granulat, das weicher als Splitt ist. Deswegen hält sich die Oberflächenabnutzung in Grenzen. Außerdem kann das Bimsgestein nach Tauen des Eises leichter entfernt werden, da es bereits bei geringem Druck zerbröckelt. Allerdings ist das Granulat teurer als herkömmliche Streumittel. Zusätzlich dazu, hat RAW auch ein mit dem „Nordischen Schwan“ zertifiziertes Öko-Taumittel im Portfolio. Ähnliche Mittel finden sich auch bei weiteren Anbietern. Darin sind zwar Salze enthalten, die jedoch wesentlich besser abbaubar als das Natriumchlorid des herkömmlichen Streusalzes sind. Doch lassen sich die Taumittel der Industrie wirklich unbedenklich einsetzen? Wittstock winkt ab: „Der Einsatz solcher Mittel hat immer Auswirkungen auf die Natur“, erklärt sie. Deswegen müssten Anwender sich vielmehr die Frage stellen, was sie mit dem Einsatz eines Mittels erreichen wollten und mit diesem Ziel vor Augen die richtige, umweltfreundliche Dosierung wählen.

Gurkenwasser: nachhaltig, nicht umweltfreundlich

Ein ganz anderes Ziel vor Augen hatte der Winterdienst im niederbayerischen Dingolfing. Zusammen mit dem Lebensmittelunternehmen Develey startete die Stadt 2019 ein Pilotprojekt, bei dem Gurkenwasser anstelle von Sole auf den Straßen ausgebracht wird. Das salzhaltige Wasser ist ein Abfallprodukt bei der Herstellung von Essiggurken, das normalerweise aufwendig geklärt werden müsste. Dieser Mehraufwand entfällt durch die Zweitnutzung als Sole-Ersatz. Lake direkt aus dem Gurkenglas kann allerdings noch nicht eingesetzt werden. Für eine Verwendung auf den Straßen muss das Gurkenwasser gereinigt und der Salzgehalt von circa sieben auf 21 Prozent konzentriert werden. Zwar ergeben sich bei der ungewöhnlichen Lösung dieselben Umwelt-Probleme, wie bei herkömmlicher Salz-/Salzsohle-Ausbringung, aber dafür verspricht das Projekt eine nachhaltigere Ressourcennutzung. Immerhin seien auf diese Weise rund 140 Tonnen Salz und knapp eine Million Liter Wasser eingespart worden, wie die Stadt Dingolfing mitteilt.

So problematisch der Einsatz von Streusalz auch ist – die anderen Alternativen sind ebenfalls nachteilsbehaftet. An dem altbekannten Mittel führt deswegen in absehbarer Zeit kein Weg vorbei. Eine Option ist zwar der vom BUND empfohlene differenzierte Winterdienst. Ob dieser sich im Vergleich zum Streusalz durchsetzt, wird sich zeigen.

Bilder: Pixabay Schauhi, pixel 2013, ejaugsburg
 

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