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27. Juni 2018

Interview-Reihe 2018: Härteste Anforderungen für LEDs und Projektionstechnologie von HELLA

Interview-Reihe 2018: Härteste Anforderungen für LEDs und Projektionstechnologie von HELLA

Mit bald 120 Jahren Unternehmergeist zählt der Konzern zu den TOP 10 der deutschen Automobilzulieferer. Geht es um die Erstausrüstung, sind Kommunalfahrzeuge ganz vorne mit dabei. Zur Sicherheit aller, wird hier auch der Beleuchtung so einiges abverlangt

Ob Weltkonzern oder mittelständisches Unternehmen – es ist gerade die Vielfalt an Herstellern von kommunalen Maschinen und Geräten, die den Markt für die Nutzer so interessant macht. Doch welche Erfolgsgeschichte steckt eigentlich hinter dem Unternehmen? Wo nehmen sie ihre Ideen und Inspirationen her? Und auf welche Produkte können sich unsere Leser in Zukunft freuen? In unserer Interview-Reihe 2018 stellen wir Ihnen dazu in regelmäßigen Abständen die unterschiedlichsten Betriebe vor. Mit HELLA haben wir uns diesmal einen wahren „Globalplayer“ herausgesucht. Angefangen hat alles mit Sally Windmüller, der in der damals beginnenden Motorisierung einen zukünftigen Wachstumsmarkt erkannte und deshalb die „Westfälische Metall-Industrie-Aktien-Gesellschaft“ gründete. Zunächst produzierte das Unternehmen mit Sitz in Lippstadt (NRW) Laternen, Scheinwerfer, Hörner und Beschläge für Fahrräder, Wagen sowie Automobile. Fast 120 Jahre später hat sich der Familienbetrieb zu einem internationalen Unternehmen entwickelt. Wir sprachen mit Robert Lehmann (29), Sales SOE Authorities bei HELLA, unter anderem über die Alleinstellungsmerkmale von HELLA-Leuchten, den Stellenwert, den der Kommunalbereich im Unternehmen hat sowie die LED-Technik, die bei manchen Kunden noch auf Ablehnung stößt.

Herr Lehmann, 2019 feiert HELLA sein 120-jähriges Bestehen. Was macht Ihren Erfolg aus?

Der Dreiklang aus Innovation, Integration und Internationalität bestimmt die HELLA Historie. Jeder einzelnen Säule lassen sich wesentliche Entwicklungsschritte zuordnen. Hinsichtlich Innovationen ist HELLA nie stehen geblieben. So sind wir bereits in den 1950er Jahren in das Elektronikgeschäft eingestiegen, das heute zu einer tragenden Säule geworden ist. Wir waren führend bei Xenon-Scheinwerfern und haben 2013 die ersten LED-Matrix-Scheinwerfer mit blendfreiem Fernlicht auf den Markt gebracht. Allein 7500 Mitarbeiter sind in der Abteilung Forschung und Entwicklung beschäftigt. Zum Thema Integration hat HELLA bereits vor über 20 Jahren mit der Netzwerkstrategie einen beispiellosen Erfolgsweg eingeschlagen. Wir verfügen heute über ein leistungsstarkes Partnernetzwerk mit einem Gesamtumsatz von 3,6 Milliarden Euro. Aufgrund der zunehmenden Innovationsgeschwindigkeit sind zusätzlich verstärkt offene Partnerschaften erforderlich, wie wir sie kürzlich beispielsweise mit ZF, einem der weltweit fünf größten Autozulieferer, vereinbart haben. Bezüglich der Internationalisierung haben wir im Jahr 1961 die erste ausländische Produktionsstätte in Mentone (Australien) eröffnet. 1992 folgte die erste Gesellschaft in Osteuropa. Seit 1992 produzieren wir auch in China und wachsen konsequent in allen wesentlichen Kernmärkten der Automobilbranche. HELLA zählt heute zu den Top 10 der deutschen Automobilzulieferer. 6,6 Milliarden Euro Umsatz machten wir in Summe im Geschäftsjahr 2016/2017.

Haben sich die Ansprüche an Fahrzeugbeleuchtungen im Laufe der Jahre verändert?

Halogen, Xenon, LED – in dieser Reihenfolge kamen Lichtquellen für Autos auf den Markt. Die Entwicklungen im Bereich der Lichttechnologien waren und sind stets durch Kundenanforderungen getrieben. Heller, weiter, blendfreier – bisher ging es um die bestmögliche Sicht auf die Straße. Heute kommen als Treiber weitere automobile Trends hinzu: das autonome Fahren, die E-Mobilität, die Digitalisierung und Individualisierung. Dadurch wird das Thema Licht noch an Bedeutung gewinnen und die Anwendungen werden erweitert. Licht wird im Rahmen autonomer Fahrkonzepte mehr und mehr zum Kommunikationsmittel. Weil beim vollständigen autonomen Fahren niemand mehr hinter dem Lenkrad sitzen muss, wird das Auto die Kommunikation etwa mit Fußgängern übernehmen. Will jemand vor dem Auto die Straße überqueren, so kann der Wagen zukünftig mit bestimmten Lichtzeichen signalisieren, dass er den Fußgänger wahrgenommen hat. Auch die Beleuchtung im Innenraum wird sich verändern. Wir werden sicher mehr in Richtung Ambiente-Beleuchtung kommen, da der Autoinnenraum fast wie ein Wohnzimmer betrachtet werden kann.

Was sind momentan die technologischen Highlights im Bereich Fahrzeugbeleuchtung?

Ein klares Highlight sind unsere innovativen Matrix-Scheinwerfer, die aus einzeln ansteuerbaren LEDs bestehen, die sich entsprechend der Verkehrs-, Wetter- und Straßenlage anpassen. Dadurch können wir eine Vielzahl neuer, sicherheitsrelevanter Funktionen realisieren und sicherstellen, dass der Fahrer die beste Sicht auf die Straße erhält. Diese Technologie machen wir uns für die spezielle Erstausrüstung zu Nutze. Ein weiteres Highlight ist unser neues Heckleuchten-Programm „Shapeline“.

Der große Trend, vor allem auch im Kommunalbereich, geht in Richtung energiesparende, langlebige, dafür aber auch teure LED-Leuchten. Wie beurteilen Sie den Nutzen von LEDs?

LEDs bieten klare Vorteile: Zum einen sind sie eine skalierbare Lichtquelle, deren Leistungsspektrum von Halogen+ bis hin zur High End Lichtperformance geht. Daneben ist das LED-Licht deutlich weißer als Halogen-Licht, was für die Sicht auf die Straße für den Fahrer optimal ist, da das menschliche Auge auf Sonnenlicht eingerichtet ist. LED-Licht kommt dem sehr nahe. Ein weiterer Vorteil von LED ist die höhere Vibrationsresistenz. Gerade aus dem Landwirtschafts-, aber auch Kommunalbereich haben unsere Kunden höchste Ansprüche, was die Stoßfestigkeit unserer Produkte angeht. Mit unserer LED-Technik erfüllen wir genau diese Anforderung und können somit höchste Qualität anbieten. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass LED-Leuchten eine deutlich höhere Lebensdauer besitzen, bei gleichzeitig niedrigerem Stromverbrauch. Dadurch sind unsere LEDs nahezu wartungsfrei und der Energieverbrauch kann enorm eingespart werden. Mit dem Aspekt, dass die LED-Technologie über die letzten Jahre um einiges günstiger geworden ist, sehen wir auch in den nächsten Jahren den Trend, dass unsere kommunalen Kunden ihre Fahrzeuge auf LED umrüsten werden.

Und was sagen Sie zu den Kritikpunkten, dass LED-Scheinwerfer bei sehr niedrigen Temperaturen einfrieren und das helle weiße Licht mitunter vom Schnee stark reflektiert wird?

Bevor HELLAs Produkte auf den Markt kommen, werden sie härtesten Bedingungen ausgesetzt – sie müssen eisigen Situationen von bis zu -40°C standhalten, volle Leistung bei bis zu 100°C bringen und sekundenschnelle Temperaturwechsel aushalten können. Dass allerdings LED-Scheinwerfer einfrieren können, ist dem Umstand geschuldet, dass LED‘s nicht warm werden während sie eingeschaltet sind und somit der Frost von der Scheibe nicht schmilzt, wie es bei Halogen normalerweise der Fall ist. Vor allem im Winterdienst haben wir diese generelle Kritik vernommen und darauf reagiert. Deshalb arbeiten wir gerade an einem neuen Konzept, um zukünftig auch den Ansprüchen des Winterdienstes noch gerechter zu werden.

Was zeichnet HELLA-Leuchten neben hoher Stoßfestigkeit und Langlebigkeit noch aus?

So einiges – nehmen wir beispielsweise die Angabe der Lumenanzahl. Viele Anbieter werben mit hohen Lumenwerten, die jedoch in der Praxis gar nicht erreicht werden. Leider gibt es keine gesetzlichen Standards. Jeder kann Fantasiewerte hinschreiben, ohne nachgemessen zu haben. Oftmals wird der Wert einer LED auf das ganze Paket hochgerechnet oder es wird direkt nach dem Einschalten gemessen. Für Kunden, die die Leistungen vergleichen wollen, ist das sehr ärgerlich. Unsere Lumenwerte dagegen werden nicht errechnet, sondern ehrlich gemessen und versprechen somit genau das, was wir an unsere Kunden kommunizieren. Zudem ist der Lumenwert nicht alles. Entscheidend ist auch der Einsatz guter Reflektoren. Gerade Fahrer kommunaler Maschinen müssen mehrere Stunden konzentriert arbeiten können. Das menschliche Auge fokussiert immer den hellsten Punkt innerhalb eines bestimmten Bereiches. Unsere Reflektoren garantieren eine homogene Ausleuchtung der Arbeitsfläche und schaffen dem Fahrer somit optimale Arbeitsbedingungen. Ein weiterer Aspekt ist die Kühlung von LED-Produkten. LEDs verlieren über 100 °C an Lebensdauer, ab 140 °C sind sie meist zerstört. Hella setzt dazu auf Thermosensoren, wärmeleitende Kühlrippen sowie Wärmeleitfolien, um diesen Nachteil zu vermeiden.

Wie wichtig ist eine gute Beleuchtung am Kommunalfahrzeug?

Sehr wichtig, und das in vielerlei Hinsicht. Kommunalfahrzeuge sind nicht nur am Tage, sondern auch häufig in der Dämmerung und nachts im Einsatz. Um Abfallsammelfahrzeugen optimale Sicht beim Rangieren zu geben, hilft die Ausleuchtung des Seitenbereichs und rückwärtige Ausleuchtung des Schüttbereichs an der Fahrzeugrückseite mit LED-Arbeitsscheinwerfern. Bei Wartungsfahrzeugen, die mit LED-Rundumleuchten oder Seitenmarkierungsleuchten ausgestattet sind, erhöht sich die Sicherheit der Mitarbeiter und Verkehrsteilnehmer: Durch die gute Warnwirkung werden Fahrzeuge bereits von Weitem erkannt. Dasselbe gilt für Kehrmaschinen. Ihr Einsatzgebiet ist extrem vielfältig: Von der Reinigung von Gehwegen, Fußgängerzonen und Straßen bis hin zu weiten Landebahnen oder großen Industriehallen werden sehr gute Sichtverhältnisse für den Fahrer benötigt.

Welche Produkte von HELLA für den Kommunalbereich sind neu auf dem Markt?

Die Projektionstechnologie VISIOTECH ist sicherlich ein Highlight: Das entsprechend ausgestattete Modul ermöglicht es, Warnzeichen oder kundenspezifische Logos auf den Boden zu projizieren, um Fahrzeuge und Passanten optisch zu warnen oder bestimmte Arbeitsbereiche abzugrenzen. Daneben haben wir auch die modulare Leuchtenbaureihe „Shapeline“ vorgestellt. Damit können sich Hersteller von Nutzfahrzeugen jeder kleinen oder großen Fahrzeugserie ein individuelles und konsistentes Erscheinungsbild geben. Im Bereich der Kennleuchten haben wir das Nachfolgeprodukt unserer beliebten K-LED FO herausgebracht: die K-LED Blizzard. Die neue Generation verbindet das populäre Design des Vorgängers mit der neuesten LED-Technologie. Neben der Funktionskontrolle ist sie mit der Möglichkeit ausgestattet, bis zu vier Kennleuchten miteinander zu synchronisieren. Zudem haben wir mit der RotaLED Compact einen LED-Nachfolger der Halogen-Kennleuchtenserien Rotafix, Rotaflex und Rota Compact. Dieser vereint die bekannten Vorteile der Kennleuchten-Serien mit fortschrittlichen Produktmerkmalen wie der LED-Blitzfunktion ohne bewegliche Teile. Auch die rotierende Lichtfunktion wird noch in diesem Jahr herauskommen. Die bestehenden Kennleuchten sind dabei problemlos eins zu eins gegen die Nachfolgevariante austauschbar.

Welches Ihrer Kommunal-Produkte ist bislang das am meisten verkaufte?

Ich möchte ungern über das eine Produkt sprechen, da wir uns als Systemlieferant in Sachen Licht sehen. Wir haben einen sehr ausgewogenen Mix an Produkten. Im Bereich der Arbeitsscheinwerfer ist unsere Powerbeam-Reihe sehr stark. Vor allem die LED-Technik hat hier Halogen überholt. Auch unsere LED-Kennleuchten sind eine sehr starke Produktgruppe und werden mittlerweile den Halogen-Kennleuchten vorgezogen. Auf der diesjährigen IFAT ist mir ebenfalls aufgefallen, wie stark wir mit unseren Produkten in der Frontbeleuchtung sind. Viele der dort ausgestellten kommunalen Fahrzeuge waren mit unseren 90-mm-Modulen, sei es LED oder Halogen, ausgestattet. 

Wo in Europa und dem Rest der Welt kommen Ihre Produkte zum Einsatz?

Wir sind in nahezu allen Regionen der Welt mit unseren Produkten vertreten. Unser Kernmarkt ist jedoch nach wie vor Deutschland. Wir sind aber auch sehr stark in den Vereinigten Staaten vertreten. Auch der Asia/Pacific Bereich entwickelt sich sehr positiv. Hier haben wir in Australien beispielsweise starke Partner, die unsere Produkte sehr schätzen.

Welche Bedeutung hat bei Ihnen überhaupt der Kommunalbereich?

Möchte man die Bedeutung in Zahlen ausdrücken, so macht der Kommunalbereich weltweit über 7 Mio. EUR aus und liegt damit in den TOP 10 unserer Segmente in der speziellen Erstausrüstung. Es sind aber nicht nur die Zahlen, an denen wir die Bedeutung dieses Bereichs messen. Vielmehr sind es die Menschen in dieser Branche, mit denen es eine große Freude macht zusammenzuarbeiten, um schlussendlich gemeinsam neue Ideen hinsichtlich der Lichttechnik zu entwickeln.

Also fragt HELLA auch mal nach, wie Zufriedenheit Ihrer Kunden mit den Produkten sind?

Das ist eine der wichtigsten Aufgaben während unserer Kundenbesuche. Ohne das Feedback unserer Kunden wären wir nicht in der Lage, uns weiter zu entwickeln. Lob hören wir in unserem Hause natürlich gerne, denn es bestätigt unsere seit Jahren geleistete gute Arbeit. Aber auch eventuelle negative Kritik nehmen wir zum Anlass, unsere Produkte weiter zu verbessern. Generell ist das Feedback durchweg positiv. Lob gibt es für unsere vielen Varianten an LED-Arbeitsscheinwerfer. Dabei schätzen die Kunden die hohe Robustheit, Vibrationsresistenz und vor allem die homogene Ausleuchtung im Arbeitsbereich. Auch im Front- und Heckbeleuchtungsbereich erhalten wir großen Zuspruch. Einige unserer Kunden kritisieren allerdings den Umstand, dass LED-Technik weiterhin deutlich teurer ist als Halogen. Das ist eine Situation, mit der auch alle weiteren Mitbewerber zu kämpfen haben, da sich die Kostensituation in den letzten Jahren nur geringfügig verbessert hat. Allerdings: Betrachtet man die geringeren Wartungskosten, den niedrigeren Stromverbrauch oder die höhere Lebensdauer der LED, so relativiert sich die Anschaffung sehr schnell.

Auf welche Produkte können sich die Kunden in naher Zukunft freuen?

Eine neue Anwendung, an der HELLA arbeitet, sind Projektionen, die das Arbeiten sicherer machen. Die neue VISIOTECH-Projektionstechnologie ist ein erster Schritt in diese Richtung. In Zukunft werden Kunden noch weitere Sicherheitsfeatures erleben. Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2018 möchten wir noch einige unserer Produktneuheiten auf den Markt bringen, die wir übrigens auch auf der IAA Nutzfahrzeuge im September erstmalig vorstellen werden.

Fakten zu HELLA:
- Anzahl der Mitarbeiter: 40.064
- Geschäftsführer: Dr. Rolf Breidenbach (Vorsitzender/CEO), Dr. Werner Benade, Dr. Frank Huber, Stefan Osterhage, Bernard Schäferbarthold
- Sitz: Lippstadt
- Gründungsjahr: 1899
- Produktion: 20 Standorte

Interview: JG – Redaktion Bauhof-online.de
Bilder: HELLA


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