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IFAT MUNICH 2024 Umwelt im Blick – Wasserstoff im Fokus

Rund 142.000 Besucher, 3.211 Aussteller und 300.000 qm Ausstellungsfläche – die diesjährige IFAT ist laut Angaben der Messe München mit einem absoluten Rekordergebnis beendet worden. Fünf Tage informierten sich Interessierte hier zu Themen wie Klimaresilienz, Schwammstadt-Konzepten, Kunststoffrecycling oder der Wasserwirtschaft. Dabei war es aber vor allem ein besonderer Themenbereich, der das Interesse der Bauhof-online.de-Redaktion erregt hat: der Wasserstoff in der kommunalen Kreislaufwirtschaft

Lesedauer: min | Bildquelle: Bauhof-online
Von: Tim Knott

Beim Rundgang durch die Hallen der Messe München kommt etwas ähnliches wie Reizüberflutung auf. Podiumsdiskussionen, Herstellerstände und Live-Vorführungen sind dicht gedrängt, Halle für Halle einem anderen Bereich gewidmet. „Wir versuchen immer, einen großen Blumenstrauß an Themen anzubieten“, kommentiert Phillipp Eisenmann, Exhibition Director IFAT Munich, das Messegeschehen. „Und man merkt, alle Hersteller haben einen Schritt nach vorne gemacht und die IFAT genutzt, um neue, innovative Produkte zu zeigen, für die Nachhaltigkeit, für saubere Städte und Gemeinden oder zur Bekämpfung des Klimawandels.“

Neben den Hallen mit Themenschwerpunkt ist auch wieder ein großer Freibereich Teil der Veranstaltung. Hier finden die zahlreichen Maschinenvorführungen des Events statt – unter anderem auch für Wasserstoffmobile. Für viele Kommunen sind die Autos mit den Brennstoffzellenantrieben zumindest theoretisch eine geeignete Option, um die Dekarbonisierung der eigenen Fahrzeugflotte voranzutreiben. Wenn da nur nicht die mangelnde Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff wäre. Immerhin bringt der nachhaltigste Wasserstofftruck nichts, wenn die benötigte Energie für die Erstellung des Treibstoffs aus Braunkohle bezogen wurde. Ein mögliches Lösungsszenario für dieses Problem haben die Messeveranstalter mit einer sogenannten Spotlight Area thematisiert. Thema: Die Wasserstoffproduktion in der kommunalen Kreislaufwirtschaft.

Aiwanger: „Wasserstofftechnik passt wie die Faust aufs Auge“

Der Bereich hat mehr Anhänger als gedacht. Unter anderem auch den bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, der die Eröffnung des Wasserstoff-Areals übernimmt. „Die Wasserstofftechnik passt wie die Faust aufs Auge in eine Technik der Nachhaltigkeit, in ein Denken in Kreisläufen, wo wir eben keine fossilen Energieträger aus der Erde holen müssen, die nach einmaliger Nutzung nie mehr zur Verfügung stehen“, berichtet er. Weiter sei er überzeugt, die Wirtschaft mit H2 dekarbonisieren zu können, ohne Leistung zu gefährden.

Interessante Herangehensweise, doch so sicher wie Aiwanger sind sich nicht alle. So wird z.B. der Wasserstoff-Einsatz in Langstreckenfahrzeugen nach wie vor kritisch besprochen, und auch die Versorgung der heimischen Wirtschaft mit ausreichenden Importmengen grünen Wasserstoffs ist noch nicht in Sicht. Kann die Kommune hier Abhilfe schaffen?

PODCAST

Wasserstoff in und aus der kommunalen Kreislaufwirtschaft

Sicher ist: „Wasserstoffherstellung geht auch in der kommunalen Kreislaufwirtschaft“, so Michael Walter, Manager Forschung und Entwicklung des Innovationsprogramms Wasserstoff des Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW). Mit entsprechender Technik soll es möglich sein, den begehrten Treibstoff auch mithilfe von Stoffströmen herzustellen, die ohnehin schon in den Kommunen bearbeitet werden.

Die erste und offensichtlichste Option besteht darin, Wasserstoff mit Elektrizität aus erneuerbaren Energien über die Wasser-Elektrolyse zu erzeugen. Dies hat gleich mehrere Vorteile: Zum einen lässt sich H2 im Gegensatz zu überschüssigem Strom einfach speichern, zum anderen können die in der Reaktion abfallenden Reststoffe auch kommunal weiterverarbeitet werden. So könne z.B. der in der Elektrolyse abgespaltene Sauerstoff für die Wasseraufbereitung in kommunale Kläranlagen verwendet werden. Jedoch sind Kommunen bei der benötigten Energie nicht nur auf Wind- oder Solarstrom angewiesen. Der für die Elektrolyse verwendete Strom kann auch aus der Müllverbrennungsanlage kommen. Obwohl diese ohne spezielle Abscheideverfahren nicht CO2-neutral ist, bietet sie dennoch die passenden Rahmenbedingungen für Kommunen, die mit der Wasserstoff-Produktion anfangen wollen.

Anstatt den gesammelten Abfall zu verbrennen, besteht ebenfalls die Option, weggeworfene Kunststoffe über den chemischen Prozess der Pyrolyse zu Wasserstoff umzuwandeln. „Der lässt sich dann wieder in der Industrie einsetzen, oder in der eigenen Kommune, um z.B. Brennstoffzellen-Lkws anzutreiben“, erklärt Fachmann Walter.

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Wasserstoff aus der Biogasanlage

Neben den genannten Methoden der Wasserstofferzeugung ist auch eine H2-Herstellung aus Biogen-Abfällen möglich. Kerntechnologie dabei sind die Biogasanlagen. Eigentlich nur für die Stromproduktion geeignet, lassen sie sich mit elektrifizierten Reaktoren auch für die Wasserstofferzeugung umrüsten. Dadurch, dass organische Masse verwendet wird, könne Net Zero oder sogar CO2-Negativität erreicht werden, so Walter. „Das ist noch ein bisschen visionär, aber so sehr auch nicht mehr. Immerhin haben wir hier auf der IFAT einige Hersteller, die genau das Verfahren praktizieren.“ Eine dieser Firmen ist die BtX energy GmbH, die Reaktoren für Wasserstoffherstellung aus Biogas zurzeit in einem Pilotprojekt erprobt, wie Projektingenieurin Lena Gretsch erklärt:

„Das heißt, das Biogas geht in unsere Anlage rein und mit der Zugabe von Wärme und Wasser erzeugt der Reformer dann Synthesegas mit einem sehr hohen Wasserstoffanteil. Das geht dann wiederum in die Druckwechseladsorbtion, dort wird der Wasserstoff abgeschieden. Und der ist dann direkt bereit zum Vertanken.“ Die entsprechende Anlage ist in einem Container verbaut, der an Biogasanlagen angeschlossen werden kann. Aktuell liege die Wasserstoffproduktion bei 100 kg pro Tag. Zum Kundenkreis gehören bis jetzt größere Bauernhöfe, aber auch ein kommunaler Einsatz ist denkbar. „Die Anlage ist auch skalierbar, das heißt man könnte auch mehrere Container in Reihe schalten“, so Gretsch.

Kommunen, die auf Wasserstoff umsteigen wollen, haben also einige Optionen. Doch bis jetzt ist das Echo auf die Technologien verhalten. Für eine Etablierung müssten eben auch die Rahmenbedingungen stimmen, wie Michael Walter ausführt. Ein weiterer Faktor ist – wie immer – der Preis. „Es liegt in der Natur der Sache: neue Techniken sind teuer. Billig wird es eigentlich nie, aber dafür wird es kostengünstiger, wenn die entsprechenden Technologien in die Massenproduktion gehen.“ Daher bleibt abzuwarten, wie die Kommunen die neuen Möglichkeiten annehmen. Nicht unwahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren einige Pionierprojekte an den Start gehen, auch wenn ein Boom vorerst wahrscheinlich ausbleiben wird.

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