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Gleis oder Gelände: Zweiwege-Selbstfahrer ILF R1500 von Energreen

Zweiwegefahrzeuge sind trotz des fast 40.000 km umfassenden Schienennetzes in Deutschland nichts Alltägliches. Energreen hat jüngst die deutschlandweit erste dafür gebaute ILF R1500 an einen Kunden ausgeliefert. Bauhof-online.de war bei den ersten Testeinsätzen dabei: Auf einem der größten Truppenübungsplätze Europas.

Lesedauer: min | Bildquelle: Tobias Meyer
Von: Tobias Meyer

Für den Dienstleister RMS aus dem nordbayerischen Trabitz ist die US-Armee ein großer Kunde, er übernimmt die Pflege vieler Grünflächen auf den Truppenübungsplätzen in Katterbach und Grafenwöhr. Letzterer ist eine der größten militärischen Übungsanlagen in Europa, das Gelände misst etwa 25 mal 14 km, insgesamt 23.300 Hektar. In der halboffenen Landschaft mit Wald, großen Freiflächen sowie Mittelgebirgseinfluss leben neben Rotwildbeständen auch Luchs und Wolf. Da verschiedene Nato-Armeen zum gemeinsamen Training mit eigenem Equipment anrücken – wozu auch Panzer und Co. gehören – verfügt die „Grafenwöhr Training Area (GTA)“ über ein eigenes Schienennetz, das etwa 20 km umfasst. Um dessen Bewuchs künftig effizienter auch direkt vom Gleis aus regulieren und pflegen zu können, hat sich RMS zur Anschaffung des Zweiwege-Selbstfahrers von Energreen entschieden: „Ein wichtiger Punkt war auch die Ökologie, denn es ist absehbar, dass an den Bahnanlagen auch immer weniger mit Herbiziden gearbeitet werden darf. Das Mulchen wird also künftig wohl ein noch wichtigeres Verfahren im Rahmen der Streckenpflege werden“, prognostiziert RMS-Geschäftsführer Markus Schreglmann. Zudem sei die Spezialisierung auf eine Nische heute sehr wichtig, um in den immer stärker umkämpften Kommunaldienstleistungen weiter gute Geschäfte machen zu können.

Bei diversen Lkw oder dem Unimog mit Zweiwegeantrieb sorgen meist nach wie vor die für die Straße vorgesehenen Reifen für den Vortrieb, die zusätzlichen Metallräder fungieren lediglich als Spurführung. Hierfür ist meist spezielle Bereifung nötig: Denn neben jeder Bahnstrecke finden sich sogenannte punktförmige Zugbeeinflussungen (PZB), quasi backsteingroße Sensoren, die überwachen, ob etwa ein Haltesignal überfahren wurde. Die normale Reifen-Felgenkombi etwa des Unimog komme mit diesem System in Berührung, weshalb auf vielen Zweiwegefahrzeugen recht schmale Varianten gefahren werden müssen. Bei den ILF von Energreen erfolgt der Antrieb auf der Schiene aber direkt hydrostatisch über die Metallräder, was es ermöglicht, die Maschine ein gutes Stück über das Gleis anzuheben. So überqueren die 445er-Reifen die PZBs in sicherer Höhe, und die ILF R1500 kann dank der breiten Pneus auch uneingeschränkt im Gelände abseits der Schiene arbeiten.

Das sogenannte „Eingleisen“ findet meist auf einem Bahnübergang statt, wobei der Maschine ihre serienmäßige Vierradlenkung sehr zugute kommt: Das mehr als sechs Meter lange Gefährt kann so dennoch eng wenden und sich auch in beengteren Bereichen problemlos und schnell parallel über das Gleis stellen. Ist die Maschine ausgehoben, blockiert die reguläre Lenkung automatisch über die Hydraulik, der Antrieb wird ebenfalls ohne weiteres Zutun von den Reifen auf die Metallräder umgestellt. Damit die Maschine ihr eigenes Gewicht über die Aufnahmepunkte an Front und Heck tragen kann – statt über die beiden regulären, weiter innen liegenden Achsen –, musste der Rahmen verstärkt werden, der Tank wurde dafür ebenso angepasst.

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Hohe Anforderungen auch an den Ausleger

Ein Kriterium, um die Freigabe zum Betrieb auf deutschen Schienen zu erhalten, ist die Fertigung des Auslegers nach bestimmten Vorgaben, wozu beispielsweise die Schweißnähte geröntgt werden müssen: „Da Energreen auch Krane baut, die Personen in Hubkörben tragen können, erfüllt die Produktion diese Voraussetzungen bereits. Für andere Hersteller dagegen wäre das – und viele weitere Hürden – ein großer zusätzlicher Aufwand, gleichzeitig sind die jährlichen Stückzahlen von Zweiwegemaschinen eher klein. Daher verzichten einige andere Hersteller schlicht auf das Geschäft mit Zweiwegemaschinen“, weiß Michael Hauke, Vertriebsspezialist des Energreen-Vertriebspartners KLP-Baumaschinen GmbH, welche auch auf Kommunaltechnik, Hebebühnen, Zubehör für die Baubranche und die professionelle Grünflächenpflege spezialisiert ist. Seine Firma aber will diese Maschinenart im Portfolio künftig stärker ausbauen, insbesondere mit Energreen als Partner.

Da die punktuelle Belastung auf Schienen in Deutschland heikler gesehen wird, als in anderen Ländern, hat man sich einerseits für den mittleren Kran mit 9,5 Meter Reichweite ab Fahrzeugkante entschieden. Zusätzlich wurde das Fahrwerk der Metallräder mit Federn ausgestattet, wodurch während der Mulcharbeiten die einseitige Belastung reduziert wird. Außerdem verhindern sie, dass die Maschine durch Wippbewegungen aus dem Gleis gehoben wird. Während der ersten Probeeinsätze zeigte sich auch der für die bahntechnische Abnahme zuständige Experte zufrieden, denn auch bei voll ausgefahrenem Arm und absichtlich herbeigeführtem, sehr starkem Wippen stand die Maschine sauber auf den Schienen. Hilfreich ist dabei auch das flexible Gegengewicht des Auslegers, das hier aber nur so weit unter dem Fahrzeug hydraulisch herausgefahren werden kann, wie es im Bahnverkehr erlaubt ist. Auch das ist ein Grund, warum nur der mittlere Kran gewählt wurde. An regulären ILF R1500 bzw. der inzwischen als Nachfolger präsentierten Alpha-Serie sind bis zu zwölf Meter weit reichende Ausleger in drei Geometrien konfigurierbar.

Die bewährte Baureihe 1500 bleibt deshalb zunächst auch die Basis für das Zweiwege-Fahrzeug, da die Abnahme und Zertifizierung sehr komplex ist und für die neue Generation nochmals einen großen, vor allem auch zeitlichen Aufwand bedeuten würde. Daher werden auch die nächsten noch in der 1500er-Version produziert werden. „Wir freuen uns, dass wir mit dieser ersten Zweiwege-Maschine die Leistungsfähigkeit und die Qualität unserer Maschinen in der Praxis unter Beweis stellen können. Aufgrund der Rahmenbedingungen rechnen wir hier mit starkem Interesse an unserer Lösung“, sagt Arnold Kemkemer, Vertriebsleiter bei Energreen Deutschland.

Hubhöhe des Auslegers technisch begrenzt
Ein weiterer Unterschied zum reinen Geländeeinsatz sind Oberleitungen: Auch wenn es in Grafenwöhr keine solchen Stromkabel über den Gleisen gibt, muss ein Schienenfahrzeug die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen. Denn künftig soll die ILF R1500 von Dienstleister RMS auch außerhalb des Truppenübungsplatzes weitere Kunden mit Zuganbindung – beispielsweise Müllkraftwerke – gewinnen. Um allen bahntechnischen Anforderungen gerecht zu werden, musste daher die Hubhöhe des Auslegers technisch soweit begrenzt werden, dass er auf keinen Fall mit den Kabeln in Berührung kommen kann.

Natürlich bietet die Maschine auch alle anderen Vorzüge der Serienversion, etwa die um 90 Grad drehbare Kabine, wodurch die Sicht auf den Ausleger während der Arbeiten sehr gut ist und dem Fahrer ein ergonomischer Arbeitsplatz ohne dauerhaftes Kopf-Drehen geboten wird. Der hauseigene Mulcher kommt dank einer hohen Drehzahl von über 3.000 U/min auch mit gröberem Buschwerk zurecht. Versorgt werden alle Systeme von einem Deutz Vierzylinder mit 155 PS und einem Hydrauliksystem mit drei Pumpen. Auf der Straße kann mit 40 km/h gefahren werden, auf der Schiene sind technisch 25 km/h möglich. Auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr sind jedoch generell nur 20 km/h erlaubt.


Auch hinsichtlich der Mitarbeiter musste RMS Maßnahmen treffen, denn auch für die Fahrt auf Nebengleisen müssen spezielle Schulungen absolviert werden. Außerdem muss das Zweiwege-Fahrzeug zusätzlich zur regulären Straßenzulassung auch beim Eisenbahn-Bundesamt angemeldet werden, was wiederum eine zusätzliche Haftpflichtversicherung voraussetzt. Im Betrieb muss zudem ein Eisenbahnbeauftragter bestimmt werden, der formell die entsprechenden Fahrer beaufsichtigt, sprich, sicherstellt und überprüft, dass diese gewissenhaft arbeiten und über alle notwendigen Kenntnisse verfügen: Dazu gehört Fachwissen zu technischen Details wie etwa Weichen, Schildern und Signalen sowie die Abstimmung mit der jeweiligen Leitstelle. Der wichtigste Grundsatz auf dem Truppenübungsplatz ist dagegen relativ einfach zu verstehen: Die US-Armee hat immer Vorfahrt.