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Bauhof digital – eine Bestandsaufnahme

Von: Tim Knott

Arbeit auf Bauhöfen ist anspruchsvoll. Jedoch entsteht zusätzlicher Aufwand nicht nur durch harte, körperliche Arbeit, sondern auch aufgrund hoher Dokumentationspflichten. Arbeitseinsätze und Stunden müssen dokumentiert werden, und eine Vielzahl an Maschinen benötigt regelmäßige Wartung sowie Management. Perfekte Voraussetzungen also für einen Papierkrieg. Doch Hilfe ist in Sicht: Digitalisierungsdienstleister haben sich mittlerweile auch auf die Experten in Orange eingestellt. Aktuell bietet der Markt einige Produkte, die Arbeitserleichterung versprechen. Doch wie werden diese von den Bauhofleitern angenommen? 

Einen unbefangenen Betrachter überrascht die schiere Masse der digitalen Möglichkeiten: Neben Applikationen wie der Arbeitszeit-Verwaltungs-Software, mit der das Chaos der Stundenzettel beendet werden soll, bietet der Markt noch weitere Möglichkeiten. Flottenmanagement und -Wartung werden durch GPS-Tracker und entsprechende Software vereinfacht. Intelligente Werkzeugmanagement-Apps sollen mittels Bluetooth das Suchen nach verlegten Geräten in der Werkstatt beenden. Selbst Straßenschäden lassen sich mittels entsprechender Ausrüstung einfach dokumentieren und entsprechende Informationen schnell an die Management-Zentrale weiterleiten.

Digitalisierung und Geldfrage

Ein breites Angebot ist also vorhanden. Doch ist die Digitalisierung schon im Bauhof angekommen? Die Ausstattung der Betriebe spricht eine eindeutige Sprache. Oft sind Managementprogramme vorhanden, mit denen sich eine Vielzahl an Faktoren wie Lager und Logistik, Straßen-, Spielplatz-, und Baumkontrolle effektiv überwachen und managen lassen. Auch Flottenmanagement- und Auftragsmanagement-Apps von verschiedensten Anbietern sind teilweise vorhanden. Einige Bauhofleiter geben sogar an, ihre digitalen Lösungen selbst programmiert zu haben. Doch hie und da wird auch geklagt. Viele Programme sind wenig bis gar nicht mit anderen kompatibel. Problematisch, denn um Einarbeitungszeiten und damit Kosten auf einem Minimum zu halten, möchten Bauhofleiter möglichst wenige Systeme nutzen. Denn nicht zuletzt ist die Anschaffung auch eine Geldfrage. Geld, das in der aktuellen Corona-Situation durch wegbrechende Steuereinnahmen fehlt. Auch besteht keine Einigkeit, ob die oben genannten Dienste überhaupt für alle Bauhöfe sinnvoll sind. Jens Hachmeier, Betriebsleiter des Bauhofes Goldenstedt ist sich sicher: Für kleine Betriebe, wie den seinen, sei Digitalisierung nur in geringem Maße notwendig: „Man muss sowieso vor Ort sein, um die Arbeitsaufgaben zu verteilen“. Arbeitszeit-Verwaltung und die Vergabe interner Aufträge ließen sich für seine neun Mitarbeiter auch ohne App problemlos organisieren.


„Bei digitalen Diensten bedarf es einer gewissen Disziplin und Sorgfältigkeit in der Bedienung“ – Stefan Kaufmann, Leiter der technischen Betriebe Reutlingen.

An anderer Stelle wurde schon aufgerüstet. Trotz vielversprechender Ergebnisse benötige eine Einführung jedoch viel Zeit, wie Stefan Kaufmann, Leiter der technischen Betriebe Reutlingen berichtet. Seit eineinhalb Jahren wird hier Software zur internen Auftragsvergabe in der Pilotphase erprobt. Ist die aktuelle Software erst einmal etabliert, sind für die Zukunft auch weitere Digitalisierungen angedacht. Besonders das Flottenmanagement und die damit einhergehende Leistungsdokumentation haben es Kaufmann angetan: „Damit kann man den Bürgern und der Kommune die eigenen Leistungen eindeutig vermitteln und souveräner auf Beschwerden eingehen“, berichtet er. Allerdings sei die Umstellung auf die Software nicht ohne ihre Tücken. „Bei digitalen Diensten bedarf es einer gewissen Disziplin und Sorgfältigkeit in der Bedienung, für die die Angestellten sensibilisiert werden müssen“, dies gestalte sich jedoch nicht immer einfach. Gerade bei älteren Mitarbeitern beobachtet Kaufmann Berührungsängste mit der neuen Software. Menschen, die ihr ganzes Leben lang mit Zetteldokumentation gearbeitet haben, würden der neuen Technik oftmals nur geringe Akzeptanz entgegenbringen. Dieses Problem berge aber auch ein Potential für Weiterentwicklung. Denn junge Mitarbeiter seien deutlich kontaktfreudiger, sich der neuen Arbeitsmethoden anzunehmen. Kaufmann sieht darin ein Potential für Jung und Alt, gemeinsam besser zusammenzuarbeiten. „So kann man z.B. Generationen-Konflikte überwinden, weil beide Parteien während der Arbeit aufeinander angewiesen sind.“

„Auf dieses Wissen sind wir angewiesen. Und dieses Wissen müssen wir digitalisieren“ – Bauhofleiter Ralf Fellner.

Einen Schritt weiter geht Bauhofleiter Ralf Fellner aus Neuburg. Er sieht in einer solchen Zusammenarbeit eine große Möglichkeit: „Was junge Mitarbeiter an digitalem Know-how mitbringen, haben alte an Erfahrung. Sie kennen ihr Arbeitsgebiet und dessen Einzelheiten schon seit Jahren. Auf dieses Wissen sind wir angewiesen. Und dieses Wissen müssen wir digitalisieren.“ Eine Zusammenarbeit biete sich also nicht nur an, sondern sei gefordert, um die Qualität des eigenen Betriebes zu erhalten.

Zukunft der Bauhofleiter

So vielversprechend die Möglichkeiten und so fortschrittlich manche Techniken jetzt schon sind, es kommt „noch einiges“, ist sich Fellner sicher: Und, ein Betrieb muss in diese Digitalisierungsoptionen investieren, um nicht abgehängt zu werden, „immerhin sind wir auch Dienstleister und müssen konkurrenzfähig bleiben“. Eine eigene IT-Abteilung gehört in Zukunft also ebenso dazu, wie ein digital bewanderter Bauhofleiter. Arbeiten auf Bauhöfen bleibt eben auch in Zukunft anspruchsvoll.

Bilder: bMoves, EineStadt

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