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Bad Hindelang macht dem Unkraut mit einem Heißwasser-Dampfgemisch den Garaus

Komex B1000-S inklusive hydraulischer Trägereinheit, Flächen- und Randsteingerät lässt ungewolltes Grün äußerst blass aussehen

Von: Michael Loskarn

Es dampft wie während eines Aufgusses in der finnischen Sauna – nicht zu extrem, aber deutlich sichtbar. Was jedoch in Bad Hindelang in der Poststraße um die Ecke zuckelt, ist keine 41018-Dampflok der Deutschen Reichsbahn, sondern ein Holder Schmalspurfahrzeug mit Keckex Komex B1000-S auf dem Buckel. Nach einer ausführlichen Testphase haben sich die Oberallgäuer im vergangenen Jahr für den Heißdampferzeuger des Vorarlberger Herstellers entschieden. Bis zu 140 Grad ist das Wasserdampfgemisch heiß, mit dem die Männer des Bauhofs das „Wildkrautübel“ seit diesem Frühjahr bei der Wurzel packen. Und, „es funktioniert gut“, sagt Bauhofleiter Andreas Schach.

Äußerst idyllisch liegt der Bauhof der Marktgemeinde am Fuße des Oberjochpasses, der mit 107 Kehren als die kurvenreichste Straße Deutschlands gilt. Völlig geradlinig gehen dagegen die 18 Mannen des Bauhofs und der Gemeinde-Gärtnerei vor: „Die Lösungen mit reinem Wasserdampf waren nichts, weil die Wassermenge letztlich zu gering und zu kalt war, bis sie an der Unkrautwurzel ankam. Außerdem hast du fast nichts gesehen, weil du immer in eine Nebelwand gefahren bist“, schildert Ulrich Weber seine Erfahrungen während der Testphase. Auch das Wildkraut-Thema mit Schaum in den Griff zu bekommen, habe nicht funktioniert, ergänzt Schach. Zwar sei der Schaum biologisch abbaubar. Allein, „wir hatten wahnsinnig negative Rückmeldungen von Seiten der Bevölkerung. So nach dem Motto: Was ist das für ein Schaum hier?“ Hinzu komme auch, dass entsprechende Schaummittel äußerst teuer sind, so der 55-jährige Bauhof-Chef weiter.

„Je mehr Elektronik du hast, umso anfälliger wird alles“,
sagt Ulrich Weber über Technik an sich.

Ebenfalls recht geradlinig und schnörkellos gestaltet sich die Technik des Komex B1000-S. „Das Gerät ist recht einfach geblieben“, weiß Gärtner Weber zu berichten und ergänzt: „Je mehr Elektronik du hast, umso anfälliger wird alles.“ Dass Schach, Weber & Co. ihr Keckex-Gerät zwischenzeitlich aus dem Effeff kennen, zeigt die Art und Weise, wie sie technisch-charmant den geneigten Berichterstatter um Geduld bitten, weil zuerst die Entkalkung des Systems ansteht, bevor es seinen Dienst verrichten kann: „Beim Entkalken musst du es erst einmal runterkühlen lassen“, weiß Weber. „Sonst hast du Dampf in den Leitungen, dann funktioniert die Entkalkung nicht mehr optimal“, springt ihm Schach zur Seite.

In Geduld muss sich derweil auch der Bauhofleiter üben. Denn wer einen „optimalen Erfolg“ bei der Wildkrautbekämpfung erzielen wolle, müsse das abgestorbene Unkraut eigentlich zeitnah wegkehren, um einen erneuten Wuchs nicht gar noch zu begünstigen. Problem: Dem Hindelanger Bauhof-Team fehlt derzeit eine passende Kehrmaschine. „Eine Schmalspur-Maschine, die wir auch auf Gehwegen einsetzen können, wäre ideal“, erläutert Schach. Bisher würden Kehrleistungen von Lohnunternehmern zugekauft. Manko: „Die Externen kommen nicht immer sofort, wenn ich sie brauche. Bei denen haben die größeren Straßen Priorität. Außerdem kann auch nicht bei jedem Wetter gekehrt werden“, schildert der zweifache Familienvater die Unwägbarkeiten in Sachen kompletter Wildkrautbeseitigung. Um in Zukunft autark und erfolgreich arbeiten zu können, hat der findige Allgäuer bereits alle Kosten für den Gemeinderat zusammengestellt. Schach: „Natürlich würden wir uns auch wünschen, dass saisonbedingt ein zusätzlicher Mitarbeiter eingestellt wird, der den exklusiven Kampf gegen das Unkraut und die entsprechenden Kehrfahrten übernimmt und uns entlasten kann. Das ist jetzt eine rein politische Entscheidung, ob der Gemeinderat das so haben will.“ Und, Schach wäre nicht Schach, würde er nicht ergänzend nachschieben: „Andere Kommunen erheben eine kleine Steuer für die Reinigung.“


Rund 50.000 Euro in Wildkrautbekämpfung investiert

Rund 50.000 Euro hat die Marktgemeinde bereits in das Keckex-System zur Wildkrautbekämpfung investiert: inklusive Holder S 990 Geräteträger, versteht sich. Zusätzlich zum Grundgerät in Standardausführung haben sich die Hindelanger eine hydraulische Trägereinheit, ein Flächen- sowie ein Randsteingerät und einen automatischen Schlauchaufroller aus Edelstahl mit 30 Meter Schlauch als Zubehör gegönnt. Weil nun der Allgäuer per se in den aller seltensten Fällen an Verschwendungssucht leidet, hatten sich dagegen einige Bauhof-Männer in der Anschaffungsphase wenig Freizeit gegönnt: „Wir haben selber im Vorfeld schon mit Heißwasser und Dampf experimentiert“, klärt Andreas Besler auf. „Auf eine Lanze haben wir eine alte Blechdose montiert, dazu einen alten Zuheizer eines Dampfstrahlers sowie ein Thermometer verbaut und ausprobiert, wie sich die Sache verhält.“ Die Erfahrungen des – im wahrsten Sinne des Wortes – Hindelanger Feldversuchs: „Du darfst nicht zu weit vom Boden weg, da sonst die Hitze weggeht, und dann funktioniert‘s nicht mehr“, doziert der 28-jährige Tüftler. „Durch eine Art Kunststofflappen ist dagegen das Keckex-System geschlossen. Das hat uns sehr gut gefallen.“

Auch die Tatsache, dass ein 1.000-Liter-Tank auf dem Rücken des Holders ordentlich „Arbeitsmaterial“ zur Verfügung stellt sowie seitlich ein solider Honda-Motor verbaut ist, um Pumpe und Brenner anzutreiben, „hat uns gefallen, weil es vom Aufbau her einfach ist“, sagt der Vater einer Tochter. Im ersten Jahr müsse das gesamte Gebiet in Bad Hindelang sowie in Ober- und Unterjoch etwa sechsmal mit dem Keckex-Wildkrautbekämpfer bearbeitet werden. Und zwar in Intervallen von vier bis sechs Wochen. Erst danach stelle sich mehr und mehr der Erfolg der Methode ein, was letztlich mit einer Reduzierung der Intervalle einhergehe. „Hierzu fehlen uns aber ehrlicherweise im Moment noch die Erfahrungswerte“, so Besler.

Eiweißschock in Pflanze zerstört Zellwand

Optisch beeindruckende „Erfahrungswerte“ präsentiert Besler dann in der Zillenbachstraße. Zwei Tage vor Ankunft des Beobachters der schreibenden Zunft hatte er den „unkrautverseuchten“ Seitenstreifen hinauf zum Hotel mit der Komex bearbeitet. Zwischenzeitlich sieht der unerwünschte Wildwuchs äußerst blass aus, und zwar hellbraun wie altes Stroh. „Bereits nach einem Tag wird aus dem Grün ein Braun“, sagt der Bauhof-Mitarbeiter schmunzelnd. Doch weshalb reagiert das Grün so äußerst echauffiert auf die Bearbeitungsmethode? Simpel aber genial: Auf ein bis zu 140 Grad heißes Wasserdampfgemisch erhitzt der Heißdampferzeuger das kühle Nass. Dieses Gemisch besteht zu 50 Prozent aus Dampf und zu 50 Prozent aus Wasser. Der Dampf hat die Aufgabe, den Boden keimfrei zu machen und die Oberfläche anzuwärmen, sodass das Wasser nicht abkühlt und dadurch leichter und mit entsprechend heißer Temperatur zu der sich im Boden befindlichen Wurzel gelangt. Über einen hitzebeständigen Spezialschlauch wird der Wasserdampf zum Randsteingerät – wie am Gehweg in der Poststraße eingesetzt – geleitet, durch welches das klägliche Unkraut bedampft wird. Durch diesen Vorgang wird in der Pflanze ein Eiweißschock ausgelöst und somit die Zellwand der Pflanze zerstört. Das Grün kann nun kein Wasser mehr aufnehmen und vertrocknet in weiterer Folge. Mit jeder Anwendung werden auch tiefwurzelnde Pflanzen zusehends geschwächt, bis sie endgültig verkümmern. Und dann „funktioniert“ Wildkrautbekämpfung richtig gut – nicht nur im idyllischen Oberallgäu.

Text/Fotos: Michael Loskarn – Redaktion Bauhof-online.de

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